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„Gewöhn dich an anders!“ – Eigene Gedanken

„Gewöhn dich an anders!“ ist ein Zitat aus der Serie „The Chosen“ über das Leben von Jesus Christus. Es ist ebenso die gewählte Überschrift zu einem lange fälligen und nun, am 31.8.2026, auf feinschwarz.net, dem theologischen Feuilleton, veröffentlichten Beitrag von meinem Kollegen Andreas Roth. Er ist Architekt und arbeitet seit vielen Jahren als Architekt für das Erzbischöfliche Ordinariat Berlin, seit längerem als Leiter des Bereichs Bau.

Andreas Roth, beim Vortrag in der Katholischen Akademie, März 2026

Zudem halte ich ihn für einen wachen, kritischen Geist, der wichtige Punkte benennt und bereit ist zur Diskussion. Dies ist derzeit eine selten anzutreffende Tugend, wenn es um die Weiternutzung und den Betrieb von vermeintlich überzähligen Kirchengebäuden und kirchlichen Liegenschaften geht. Denn die bisher aufkommenden Lösungsvorschläge sind zumeist mangelhaft. Das eine Bistum belohnt schnelle Schließungen mit höheren Mittelzuweisungen, die andere Landeskirche fordert von den Kirchengemeinden Konzepte bis 2034. Nur scheint nichts davon dem besonderen Gebäudebestand Gotteshaus ausreichend gerecht zu werden – es wirkt oft mehr wie eine Verschleppung. Schließlich steht Überforderung bei Haupt- und Ehrenamtlichen, denen diese unklare Last aufgebürdet wird, anstatt gezielter Förderung in den noch wirtschaftlich aktionsfähigen Kirchen.

Meine Gedanken zu „Gewöhn dich an anders!“

Hier möchte ich anhand des Textes von Andreas Roth, der erstmals bei einer Veranstaltung des Berliner Kirchenbauforums an der Katholischen Akademie in Berlin e.V., als Redebeitrag öffentlich wurde. Damals im März 2026, war es übrigens Denkanstoß bei einem Diskussionsabend, unter dem Titel: Neue Nutzungen von Kirchenräumen in Berlin […].

Ausschnitte meiner Notizen

Es geht im Kern um Folgendes: Der Andersraum Kirche ist so besonders, dass die Institution Kirche es nicht mehr vermag (profanierte) Sakralbauten sinnvoll zu betreiben. Denn bei kirchlichen Institutionen sind die „Ideenschubladen leer“, meint Roth. Meine Wahrnehmung ist ähnlich und trotzdem schreit es in mir: Wo ist dabei die Hoffnung und die Chance auf einen Ideenfussel in den Kirchen? Denn weg heißt ja auch weg. Ich plädiere derzeit immer noch für eine Politik der kleinen Schritte, die jedoch alle Optionen im Blick hat und vor allem überall nach Komplizen für den Erhalt eines kirchlichen Baus als Andersort sucht. Denn: irgendwann ist Schluss aber noch ist dieser Schluss an vielen Orten gestaltbar. Gleichwohl ist ein Ende mit Schrecken die bessere Lösung.

Sich Mühe geben!

Dabei ist mein Befund: Wir Kirchen, wir Christen, wir Mitmenschen haben noch lange nicht alles versucht und uns noch nicht ausreichend Mühe gegeben mit diesen besonderen Räume. Lieber erarbeiten wir neue Zahlen um dass virulenten Problem noch dramatischer Darstellen zu können. Aber vielleicht entzieht sich die Kirche als Ort, als Glaubensgruppe mit ihrer Ökonomie dem kapitalistischen Ansatz, das wiederum benennt Roth ebenfalls. Zudem sollten wir gelernt haben, dass jeder Kirchenraum ein Einzelfall ist und große Gesamtpläne selten greifen.

Denn, so Roth, mit der Profanierung einer Kirche verändert sich der Charakter des Gebäudes fundamental. Dann ist es eine bauwirtschaftlich schwer bis gar nicht erklärbare Hülle. Der Wunsch das Lob Gottes aufwendig zu gestalten widerspricht nun einmal dem finanzierbaren Preis pro Kubikmeter gebautem Raum. Auch hier bin ich d´accord. In ihrer jetzigen Verfasstheit und Suche nach dem Sinn von Kirche kann diese Jahrtausend Jahre alte Institution es nicht allein bewerkstelligen. Doch warum sollte eine Gesellschaft nicht solche Räume leisten auch wenn Sie nicht allen Baustandards genügen.

Die zur Galerie umgenutzte Kirche St. Agnes in Kreuzberg 2023

Unser Selbstbild als und von Kirche

Leider haben viele Vertreter von Kirche immer noch das trennscharfe Bild von Innen und Außen. Also dem Club der Erleuchteten und der die es (noch) nicht sind. Dabei frage ich mich, was könnte Kirche mit Ihren Gebäuden allen (anderen) Menschen für einen Dienst tun, ihnen sogar Raum bieten. Z.B. die katholische Diaspora im Osten Deutschlands: Dort gibt es relativ viele kompakte Kirchen, deren Baulast kalkulierbar ist und die kleine Flächen und Räume bieten. Nicht nur hierfür ist eine Ökumene, also die Zusammenarbeit aller Christen und Religionen sowie der Mitmenschen, dringend notwendig. Stattdessen drehen wir uns weiter um uns. Zu einer Kirchenbauökumene, habe ich im letzten Jahr etwas geschrieben

Die Zukunft der Kirchengebäude verlangt gesellschaftliche Mitverantwortung. Denn Abriss ist eigentlich keine Option. Meiner Meinung nach muss die ganze Gesellschaft mitwirken, mitdenken und mittragen. Dafür ist die Eigentumfrage an der Immobilie am Ende zweitrangig solange sie belebt und aktiv in Besitz genommen wird – dann gerne mit der Kirche als Partner aber vielleicht nicht als Immobilienmogul.

Schild bei der Seelsorgekonferenz 2026 in Berlin.

Das Ziel ist nicht Rückzug, sondern Transformation.

Schließlich sollte die Kirche die im Bestand bleibenden Gebäude gut bespielen. D.h. ausnutzen und das in dichtem Takt und zum Nutzen vieler. Das sind wir Christen allen Menschen schuldig, meine ich. Darüber hinaus wäre der Andersort Kirche, so er im Gemeinsinn betrieben wird, weiterhin ein Leuchtturm der christlichen Botschaft. Was wir unter anderem als konstituierte Kirchen, Körperschaften des öffentlichen Rechts, brauchen könnten wäre der Heilige Geist. Doch der macht sich rar in den Zeiten menschlicher Überforderungen. Auch hier folge ich Andreas Roth: Welche Ökonomie wollen wir als Kirche betreiben?

Lange genug haben wir die Botschaft Jesu, z.B. in Matthäus 25,14-30 als Sparplan verstanden. Der Diener der das Geld vergrub und getadelt wurde, dass er es für Zinsen hätte auf die Bank bringen sollen ist nur das Ende der Perikope. Das Lob hat Gott bereit für die die Talente dazu gewinnen. Und die gibt es nicht für Investments sondern für den Dienst an den Menschen.

Und noch eines: immer wieder hören wir von 44.000 Kirchen in Deutschland. Doch nach meinen Berechnungen sind es 100.000 Sakralbauten oder mehr in Deutschland, was ich HIER erläutert habe. Selbst 10% davon einzubüßen wäre schon ein Schaden für die gesamte Gesellschaft, dabei reden wir schon lange von der Hälfte oder mehr! Hinsichtlich der Analyse und auch vieler Ansätze gebe ich Andreas Roth recht, doch dazu sollte noch mehr geistreiche Hoffnung kommen, wenn die Kirchen sich hinsichtlich ihres Immobilienbestandes und des Erhaltdilemmas „ehrlich machten“ (Frank Röger, ekbo). Zusammen mit den Menschen im Land können Kirchen(gemeinden) ihre Bauten nachhaltig beleben, doch dafür müssten wir sie reinlassen. Diesen Faktor möchte ich mitgedacht wissen, allem innerkirchlichen Bürokratismus zum Trotz. Denn wer Ermöglicher sein will, der macht es den Aktiven leicht. Kirche und Staat müssen dabei helfen, das gut Ideen umsetzbar werden. Das Betrifft kirchliche Instanzen ebenso wie Bauämter, Denkmalbehörden usw. Also: „Weiten wir gemeinsam unseren Horizont. Geben wir Verantwortung und überzogene Forderungen zugunsten guter Lösungen ab. Dazu sollten wir uns nicht zu lange Zeit lassen.“ (A. Roth, Gewöhn dich an anders!, feinschwarz.net, 31.8.26)

Blick in eine Kinderspielkirche in St. Oscar, Stockholm, April 2026, Alle Fotos: K. Manthey

Weiterleitungen zum Thema

Noch einmal der direkte Link zum Artikel

Hier finden Sie die Debatte zu dem Beitrag u.a. auf katholisch.de

https://katholisch.de/artikel/70130-architekt-nicht-genutzte-kirchen-zeitnah-an-andere-uebergeben

https://katholisch.de/artikel/70134-trennt-euch-von-den-kirchen

https://katholisch.de/artikel/70152-ohne-kirchengebaeude-geht-es-nicht

Mehr aus diesem Themengebiet bei kirchenbauforschung.info

Hier der direkte Link zum Artikel im Pfarrerblatt, Januar 2025

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