Loading

Mariä Himmelfahrt – Klütz (Mecklenburg)

Auf dem Weg zum Ostseebad Boltenhagen, unweit der alten Hansestadt Wismar, fährt man oft an Klütz vorbei. Direkt an der Landstraße, die das alte Städtchen umgeht und wo heute ein Kreisverkehr die Situation beruhigt, außerhalb der Siedlung, liegt eine kleine katholische Kirche. Daran angebaut ein kleines Pfarrhaus und wiederum daran ein Pfarrheim. Das Dach der Kirche auf dem ein kleiner Reiter als Turm fungiert hat die Form einer spitzen Tonne. Ein Bautyp den man bei Gebäuden vor allem der späten Weimarer Republik öfter sieht: ein Zollinger Lamellendach. Dies war eine vorgefertigte Dachform mit der man hoffen Baukosten einzusparen.

Wenn man es schafft dort anzuhalten liest man am Schaukasten und auf einer Stele, das dies die katholische Kirche ist. Sowie die Stele, die wegen der ziemlich bekannten Familie von Bothmer dort aufgestellt ist. Diese hatte ihr „Schloß“ dort und dessen Erbauer kurz nach 1700 erster Minister der aus Hannover stammenden englischen Königs wurde. Mir dieser gräflichen Familie hat schlussendlich auch die 1932 eingeweihte Kirche zu tun doch darüber nun mehr.

Schloss Bothmer (b. Klütz) historische Ansicht (Q: Bilderchronik Mariä Himmelfahrt, Klütz)

Geschichte der Gemeinde und des Kirchenbaus

Die Grafen von Bothmer verdienten ihren Unterhalt vor allem durch Landwirtschaft. Die ganze Region des Klützer Winkels hat einen schweren ertragreichen Boden. Schon in der späten Kaiserzeit kamen die Landarbeiter aus Polen und Oberschlesien. Für sie gab es wohl den ersten katholischen Gottesdienst im November 1915 in einem Gasthaussaal in Klütz. Damals sollen ca. 250 Gläubige dabei gewesen sein. 1918 richtete die Grafenfamilie eine Kapelle im Schloss ein. Dies zählt zu den bekanntesten Barockanwesen aus Backstein. Für mich ist heute der Standort dieser katholischen Kapelle und auch der evangelischen Schlosskapelle nicht nachvollziehbar. Die Vermutung, einer der Kopfbauten, die Reithalle sei als Kapelle geplant gewesen oder hätte eine enthalten, lässt sich nicht erhärten.

Wiederhergestellte Reithalle, Kopfbau des Schloss Bothmer, Foto: K. Manthey 2026

So ist es für das gesamte Ensemble, dass heute von der Landesbehörde Staatliche Schlösser, Gärten und Kunstsammlungen Mecklenburg-Vorpommern (SSGK M-V) betrieben wird. Nicht nur, dass der eifrige Bauherr das fertige Herrenhaus nie sah, auch die vielen Wirren der Nachnutzungen und der Zeit des Zweiten Weltkriegs sowie der DDR, lassen vielerorts keine klare Einordnung zu. Ein Foto dieser frühen Kapelle ist in der Bilderchronik der Gemeinde überliefert. Daran kann man das Provisorium ablesen. Vielleicht wurde der Altar nur alle paar Wochen aufgebaut, wenn die Geistlichen aus Wismar kamen. Jedoch muss die Gemeinde so groß und aktiv gewesen sein, dass bereits im Sommer 1918 der Bischof von Osnabrück, Wilhelm Berning (1877-1955, Bischof seit 1914), dort die Firmung spendete.

Bild vom Altar in der katholischen Kapelle im Schloss (Q: Bilderchronik Mariä Himmelfahrt, Klütz)

Seit 1918 war Alfred Felix von Bothmer (1859–1934) der neunte und letzte Majoratsherr des großen Fideikommisses. D.h. er war der letzte Erbe, der ein unaufteilbares Land erhielt. Somit gingen alle anderen Erben leer aus, was das Schloss und die Güter betraf. Doch wurde dieses Rechtsregel 1922 aufgelöst und in der Krisenzeit musste die Herrschaft einiges verkaufen. Zudem war seine Gattin Mary von Bothmer (1859-1939) zum Katholizismus konvertiert. Das kam im Adel immer wieder vor. Ob es Sehnsucht nach hierarchischem Kirchenregiment oder aber die größere Nähe des Katholischen (im Vergleich zum norddeutschen Protestantismus) zur angelikanischer Tradition war, welche die Gräfin bewog ist mir nicht bekannt. Schließlich wird Sie jedoch zu einer wichtige Unterstützerin der Gemeinde.

Mary Gräfin von Bothmer, Unterstützerin des Bauprojekts
(Q: Bilderchronik Mariä Himmelfahrt, Klütz)

Nun erhielt diese 1924 die gräfliche Friedhofskapelle zu Nutzung überlassen (vermietet). Verbunden mit der Pflicht diese zu erhalten. Diese Kapelle bestand bis in die 1960er danach wurde eine neue Trauerhalle errichtet. Doch für die Katholiken ging es bereits um 1931 auf den Weg zu einer eigenen Kirche. Dafür setzte sich die Gräfin ein. Rund 1500 qm Grundstück des ehemaligen Gutsbesitzes wurden von der Stadt Klütz nun an die Pfarrei in Wismar verpachtet. Darauf begann man im gleichen Jahr mit dem Bau einer kleinen einfachen Diaspora Kirche. Die großen Unterstützer neben der Katholiken vor Ort war Gräfin Mary und der Bonifatiusverein in Paderborn.

Lageplan des Kirchengrundstücks von 1980 (Q: Bilderchronik Mariä Himmelfahrt, Klütz), heute befindet an der Kreuzung ein Kreisverkehr mit der Wismarschen Straße und der Ortsumgehung Klütz n. Boltenhagen.
Anstatt des Stalls (4) entstand später eine Gemeinderaum.

Seelsorglich haben die Klützer einiges erlebt. Bis 1945 gehörte die Gemeinde nach Wismar. Dann kurz zu Grevesmühlen und schließlich war Mariä Himmelfahrt von 1952-1980 seelsorglich selbständig. Dies war die Zeit von Pfarrer Franz Harbich (1911-1983). Es war gleichzeitig die Phase in der Flüchtlinge und Vertriebene die Gemeinde bevölkerten. Zahlreiche Fotos zeugen von einem regen Leben. Der Pfarrer selbst berichtet 1971 von 632 Katholiken. 2 Sonntagsmessen in der St. Marienkapelle, wie er die Kirche mit ihren max. 80 Sitzplätzen hier treffend bezeichnet.

Hochzeit 1950 (Q: Bilderchronik Mariä Himmelfahrt, Klütz)

Zudem kamen wöchentliche Gottesdienste im Ostseebad Boltenhagen, dass nun viele Betriebsferienheime aus den südlichen Bezirken aufwies, sowie monatliche Messen in Elemenhorst und Kalkhorst. Nach dem Weggang gelangte Klütz wieder nach Wismar, bis 1994 wohl von einem Diakon vor Ort betreut. Seit 1998 dann zu Grevesmühlen und mittlerweile wieder zur Großpfarrei mit Sitz in Wismar. Bis heute gibt es engagierte Menschen vor Ort. Und obwohl schon in den 1950er Jahren die katholischen Messen im realsozialistischen Strandfunk von Boltenhagen nicht angesagt wurden, was die Gemeinde ärgerte, kommen bis heute Gäste aus dem nahegelegenen Ostseebad in das Kirchlein Maria Himmelfahrt.

Blick auf den Strand von Boltenhagen. In der Umgebung von Boltenhagen und Tarnewitz verbringen rund 380 000 Gäste ihre Ferien. 1961 entstand hier die erste Urlaubersiedlung des FDGB im Ostseebezirk (Titeln übernommen, Aufn. 1982). Von Bundesarchiv, Bild 183-1982-0716-014 / Weisflog, Rainer /
CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 de, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=5422597

Die Kirche Mariä Himmelfahrt

Der Aussenbau und die Entstehung

Baustelle in Klütz 1931, Ansicht vom Chor (Q: Bilderchronik Mariä Himmelfahrt, Klütz)

Zwar habe ich bisher keine Archivalien eingesehen bzw. gefunden, die genauer die Beteiligung des Bonifatiusvereins beleuchten, jedoch kann ich sehr wohl aus meiner Forschung heraus das Geschehen rekonstruieren. Mit dem Wunsch für Klütz eine katholische Kirche zu errichten, wandte man sich an den Osnabrücker Bischof, der die Lage ja kannte. Dieser befürwortete das Vorhaben, der Diözesanvorstand des Osnabrücker Bonifatiusvereins organisierte den Rest. Dass es auch baulich über Paderborn lief, bekundet das verwendete Zollinger Lamellendach. Eine Zeit lang die geforderte Bedachung. Ebenfalls ist es gut möglich, dass der Bauberater des Vereins und Architekt Max Sonnen den Entwurf fertigte. All das sparte Gelder. Ebenso der Verzicht auf einen Turmbau oder andere Gebäude. Diese kamen alle nachträglich hinzu. Allein im Förderjahr 1931 gab es mindestens drei Bauprojekte mit solch einem Dach.

Übersicht zu einigen geförderten Diaspora-Kirchenbauprojekten im Bonifatiusblatt Heft 1, 81. Jg., 1931.

Das Bonifatiusblatt gibt weitere Auskünfte zum Kirchenbau. Am 19. Juni 1932 sei die Kirche eingeweiht worden. Als Maße gibt der kurze Beitrag für das Schiff 10 mal 6m und für den Altar 4 mal 3 m an – also bescheidene Ausmaße. Ebenso wird die Sparsamkeit beim Bau gelobt: „Übrigens hat der Bau schlüsselfertig bloß 10 771,03 Mk gekostet, d.h. 180 Mk je Quadratmeter Laienraum […]. Die Unterschreitung des Kostenanschlags (12 000,- Mk) ist nicht etwa auf den absinkenden Bauindex zurückzuführen.“ (Bonifatiusblatt, Nr. 6, 81. Jg., S. 173)

Ein Bild zu Fertigstellung im Bonifatiusblatt Nr. 6, 81. Jg., S. 173

So versuchte das Förderwerk für Sparsamkeit zu werben und hob zugleich die eigene Leistungsfähigkeit hervor. Natürlich war der Kirchbau sehr schlicht. Der sichtbare Backstein war auch in Klütz dritte Wahl und somit von keiner besonderen Farbig- und Gleichmäßigkeit. Auch an der Ausstattung fehlte es fast immer. Oft war nur ein Hochaltar vorhanden. Bänke, Kunstwerke und Glocken (ab 1949), Orgel, Gemeinde- und Pfarrbauten kamen, wenn überhaupt, später. Dass das Kirchlein schnell im Innenraum fertig war hat sicherlich mit der Unterstützung von Gräfin Mary und den einheimischen Gemeindemitgliedern zu tun.

Innenansicht mit erster Ausmalung um 1952 (Q: Bilderchronik Mariä Himmelfahrt, Klütz)

Der Innenraum und die Ausstattung

Bemerkenswert war die bis 1970 bestehende Ausmalung des Altarbereichs. Diese zeigte am Thriumphbogen in der Spitze den thronenden Gottvater umgeben von Engeln. An den Seiten sind Menschen bei der Landarbeit dargestellt und im Hintergrund auf der rechten Seite die Stadt Klütz mit ihrer Marienkirche. Das Hauptbild der Marienkrönung ist bis heute auf der Altarwand zu sehen. Dabei ist erstaunlich, dass eine Szene gewählt wurde, die sozusagen eine Folge der Himmelfahrt ist. Denn ebenfalls wäre eine Darstellung des Geschehens selbst denkbar gewesen. Gut möglich, dass diese himmlische Verherrlichung eine verheißende Funktion hatte.

Krönung Mariens an der Altarwand, Foto: K. Manthey 2026

Die Seitenaltäre waren lange mit einem Marienbild und einer Herz-Jesu-Figur ausgestattet. Erst seit 1996 gibt es eine Marienfigur. Eine Orgel gab es nie, ein Harmonium war vorhanden und mittlerweile gibt es ein Keyboard, dass auch automatisiert Lieder begleitet. 1970 kommt der neue Volksaltar aus Eiche und ein neuer Tabernakel. Heute gibt es einen Tabernakel nach dem Entwurf von Diakon Horst Elsner auch von 1996, er zeigt eine Lamm-Gottes-Darstellung.

Würdigung von der Kirche Mariä Himmelfahrt Klütz

Mich beeindruckt der kleine Kirchenraum bis heute. Es ist die Wirkung der sichtbaren Dachlamellen ebenso wie das Bild an der Altarwand, dabei ist es nicht von besonderer Qualität und fein ausgeführt. Ebenso ist die Geschichte der Gemeinde interessant. Zwar braucht es heute keine zwei Sonntagsgottesdienste, doch auch mit 25 ist die Kirche gut gefüllt. Nachdem es keinen pastoralen Mitarbeiter vor Ort gab, also nach 1997 als die Gemeindereferentin, die auf einen Diakon nach dem einzigen Pfarrer, in den Ruhestand ging, gibt es vor Ort Betreuer der Kirche und Gemeinde. Für mich ist es gerade in touristischen Gegenden wichtig, dass Kirche ein sichtbares Angebot macht. Zumal der Bau auffällt. Daher freue ich mich, dass immer noch etwas dort los ist. Heute am Patronatstag wünsche ich den Klützern noch viele gute Jahre!

Ansicht von Kirche und in den 1950er Jahren erbauten Pfarrhaus Madonna (Q: Bilderchronik Mariä Himmelfahrt, Klütz)

Weiterleitungen zum Thema

Die Seite zur Kirche auf der Webpräsenz des Pastoralen Raumes:
https://katholische-kirche-wismar.de/?page_id=92

Beitrag bei Wikipedia:
https://de.wikipedia.org/wiki/St.Mariä_Himmelfahrt(Klütz)

Beispiele für Lamellendachkirchen in der ostdeutschen Diaspora:

One comment

Leave a Reply

Durch die weitere Nutzung der Seite stimmst du der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

Schließen