Santa Maria della Marca, Castelfiorentino, Italien

Santa Maria della Marca wurde mir bei unserem Italienurlaub vorgestellt. Mein Freund, mit dem wir derzeit unterwegs sind, erzählte mir von einer hässlichen Betonkirche, ganz untypisch für toskanische Sakralbauten. Mein Interesse war geweckt. Schließlich machten wir beim nächsten Einkauf einen Abstecher dorthin. Es war Karfreitag. Die Kirche scheint der einer der wenigen, wenn nicht der einzige, aus der Zeit nach 1945 zu sein. In der Gemeinde Castelfiorentino in der Metropolregion von Florenz gibt es etliche Kirchen allein im Ortskern sind es mindestens fünf. Bei etwas mehr als 17.000 Einwohner für deutsche Verhältnisse durchaus üppig. Dabei scheint lange nicht jede Kirche in bestem Zustand, doch vorhanden und meist offen sind sie dennoch. Inmitten einer vor allem in den 1960 bis 1980er Jahren entstanden Siedlung steht ein Stahlbetonbau in zunächst sehr eckig wirkenden Formen.

vermtl. Cesare Lisi, aquarellierte Ansichtszeichnung (Ausschnitt), um 1978, Q: Seite der Kirchengemeinde, unter: http://www.santamariadellamarca.it/Data/Sites/1/media/GalleryImages/63/WebImages/00.cartellone.jpg (17.4.2022)

Der Architekt und die Vorgängerbauten von Santa Maria della Marca

Architekt war Cesare Lisi (1924-88) aus Castelfiorentino. Er studierte in Florenz Architektur und war im Industriebau und später als Gestalter von Ausstellungen tätig. Ebenso befasste er sich dabei in den 1970er Jahren mit theatralischer Inszenierung und sakralen Objekten. Anscheinend kam dies dem Kirchenbau in seiner Heimatstadt zu gute. Auf einem Areal eines ehemaligen, frühen Franziskanerklosters übrigens aus der Zeit um 1200 (!) entstand ein Neubau. Dort siedelten wenige Jahrzehnte später ein Benediktinerinnen an. Anscheinend sind bis heute Nonnen dort vor Ort. Bereits im 13. Jahrhundert hatte das Kloster eine Pfarrkirche. Übrigens betreiben die Schwestern heute den Kindergarten der Gemeinde mit 6000 Gläubigen. In den 1970er Jahren betrieb der Pfarrer der Gemeinde Don Maris Lari den Neubau der Pfarrkirche mit großzügigen Gemeinderäumen. Schließlich wurde die Kirche Santa Maria della Marca 1979 durch den Bischof der Diözese, Volterra, geweiht.

Cesare Lisi, Schnittzeichnung, um 1978, Q: Staatsarchiv Florenz, n452, https://archiviodistato.firenze.it/asfi/fileadmin/risorse/allegati_inventari_on_line/n452_Lisi.pdf (17.4.2022)

Beschreibung der Kirche Santa Maria della Marca

Dort war ein futuristischer Kirchenbau entstanden. Auffällig ist der durch Untergliederungen aufgebrochene Turm. Dieser befindet sich übrigens seitlich zum Kirchenschiff. Auf der Erdgeschossebene wurden Gemeinderäume angesiedelte. An der Westseite des genordeten Kirchenraumes gliedern sich auf zwei Ebenen weitere Pfarrräume an.

Ebenso ist ein hoher Wohnkomplex über einen Laubengang mit dem Pfarrareal verbunden. Ob dieser zu Kirchen gehört ist mir nicht bekannt, somit lässt sich nicht erschließen wo sich das heutige Kloster befindet. Gleichwohl entfaltet das zeltförmige Kirchenschiff im Obergeschoß mit seinen zwei Giebelfronten seine Wirkung erst, wenn man es betritt. Ein hoher spitz im Giebel zulaufender Raum eröffnet sich dem Besucher.

Der Innenraum von Santa Maria

Durch ein ebenfalls mit einem Satteldach höher gestelltes „Bühnenhaus“ erlangt der Altarbereich eine starke, nahezu theatralische Wirkung. Beeindruckend ist darüber hinaus die klare Farbgebung, weiße Wände und Pfeiler, tragen eine schwarze bzw. sehr dunkle Decke. Abschließend mündet der Raum in den rotbraunen Altarbereich.

Der Altarraum mit klar eingeteilten Zonen, Foto: K. Manthey, 2022

Dort befinden sich Prinzipalstücke aus hellgrauem Marmor sowie Sedilien in futuristischer Ausgestaltung. Vermutlich stammen diese Designobjekte ebenfalls vom Architekten Cesare Lisi, der darin seine unterschiedlichen Erfahrungen einbrachte. Bis auf die teilweise etwas kitschig wirkenden Heiligenfiguren des Josef am Altarraum und der Maria eines lokalen Bildhauers von 2008 am Eingang ist der Raum gestalterisch sehr schlüssig und in seiner Gesamtwirkung geometrisch.

Kruzifix von Lippo di Benivieni (Anfang 14. Jh.), Q: Seite der Kirchengemeinde, unter: http://www.santamariadellamarca.it/Data/Sites/1/media/GalleryImages/63/WebImages/07.crocifisso.jpg (17.4.2022)

Ausstattung der Kirche

Das, am Karfreitag verhüllte, Kreuz von Lippo di Benivieni (tätig zw. 1296 und 1327), aus dem ersten Drittel des 14. Jahrhunderts, ist übrigens stilvoll in das Ensemble des Chorbereichs eingepasst und steht in der franziskanisch geprägten Bildtradition des italienischen Spätmittelalters. Diese Trecento genannte Epoche ist zudem eine Blütezeit norditalienischer Kunst und Kultur. Somit ist das gemalte Kruzifix wohl das Hauptkunstwerk in diesem Sakralbau. An der Chorwand befindet sich außerdem ein Mosaik aus der Zeit zwischen den 1920er und 40er Jahre. Dies stammt vermutlich aus einer vorherigen Kirche und bezieht sich wahrscheinlich auf das Marienpatronat. Dabei meint „della marca“ vermutlich die ostitalienische Region an der Adria, ob das Patrozinium sich auf die Loreto-Madonna und ihre Verehrung bezieht ist mir hingegen unklar.

Straßenansicht, Foto: K. Manthey, 2022

Würdigung

Santa Maria della Marca in Castelfiorentino in der Toskana ist überdies ein unerwarteter Bau. Sie liegt Inmitten eines Ortes mit historischen Kirchengebäuden und weiterhin in einer Gegend, die für christliche Kunsttradition berühmt ist. Während moderner Sakralbau, beispielsweise in Deutschland ein sehr häufiges Phänomen ist finden sich solche Bauten in Italien seltener. Zudem ist der Bau eine durchaus gelungene Inszenierung. Und das obwohl es von außen eher plump wird. Im Kirchenraum selbst erschließt sich dann eine kunstfertige und stimmungsvolle Kirche. Die außerdem in sich geschlossener wirkt als manch historischer Bau. Diese Kirche ist darum ein Besuch wert und bildet einen Kontrast zu den vielen malerischen toskanischen Kirchenräumen. Darüber hinaus ist Santa Maria della Marca ein Zeichen der nach konziliaren Auseinandersetzung mit Liturgie, Kirche und Raum im postmodernen Italien.

Blick zum Ausgang, Foto: K. Manthey, 2022

Links

Kurzvita zu Cesare Lisi auf den Seiten des Staatsarchivs in Florenz

Internetauftritt der Kirchengemeinde:
http://www.santamariadellamarca.it/storia-della-parrocchia.aspx

Eine Berliner Kirche mit konstruktiver Ähnlichkeit

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