St. Joseph, Berlin-Rudow (tägliche Kirche)

St. Joseph in Rudow liegt an einer beschaulichen Straße. Dort findet man einen reizenden Teil Berlins. Nahezu dörflich mutet der Bereich um die Straße Alt-Rudow an. Ebenso lassen sich hier noch die Ursprünge der Metropole erkennen, die besonders an ihren Rändern aus märkischen Dörfern entstand. Hingegen fällt der steil zulaufenden Glockenträger an der Straße auf. Er öffnet einladend den Bereich des Gemeindezentrums St. Joseph. An dessen Beginn folglich die St.-Joseph-Kirche von Albert Brenninkmeyer steht.

Zur Vorgeschichte der Kirche und Gemeinde

Aufgrund des bismarckschen Kulturkampfes gegen die katholische Kirche wurden nahezu alle Ordensgemeinschaften verboten. Infolgedessen schlossen Klöster und Konvent. Dazu gehörte auch die Niederlassung der Ursulinen aus dem heutigen Berlin-Kreuzberg. Der Orden wurde von Angela Merici 1535 in Brescia gegründet. Übrigens sahen die Schwestern ihren Arbeitsschwerpunkt vor allem in der Erziehung und Bildung von Mädchen. Das Grundstück erwarb ein schlesischer Adliger und stellte es den vertriebenen Ursulinen zur Verfügung- Später kaufte es eine Unterstützerin für die Schwester das Nachbargrundstück. Selber konnten die Nonnen aufgrund der preußischen Gesetze keine Geschäfte tätigen. Mit der zeitweiligen Niederlassung waren die Ursulinen darüber hinaus die erste katholische Klostergemeinschaft in der Mark Brandenburg nach der Reformation. Dort im ländlichen Rudow betrieben die Schwestern Landwirtschaft und pflegten ein offenes Haus. Viele bekannte katholische Persönlichkeiten waren dort zu Gast, teilweise übrigens auch, da Sie keinen anderen Ort in Kulturkampfzeiten hatten.

Die erste St.-Joseph-Kapelle, Q: Slg. Manthey

Die erste Kapelle St. Joseph

Mit den Schwestern kommt eine 1. Kapelle in den 1870er Jahren. Dann kommt es zur Errichtung der Kapelle St. Joseph in den 1880er Jahren. Sie erhielt erst in den 1930er Jahren einen kleinen Turm als Dachreiter. Denn den evangelischen Würdenträgern war die katholische Niederlassung ein Dorn im Auge. Daher entstand die Kapelle auch in 2. Reihe. Bis auf die ursprüngliche Villa an der Straße wurden spätestens für den Neubau des Gemeindezentrums die anderen Gebäude abgerissen. Der berühmteste Seelsorger der Gemeinde war August Fröhlich (1891-1942), er war 1931 und 32 in Rudow tätig. Als Pfarrer von Rathenow stand er für seine christliche Überzeugung ein und starb schließlich im KZ Dachau.

Über den Bau der Kirche und des Gemeindezentrums

Ganz im Geiste der Zeit plante man für die Gemeinde in Rudow schließlich in den 1960er Jahre ein Gemeindezentrum. Dort sollten neben der Kirche auch Kindergarten und weitere Gemeinde- und Sozialflächen entstehen. Das Projekt hatte anfänglich ein Volumen von 1,6 Millionen DM. Abschließen wurden 2,1 Mio. DM fällig. Dabei war ein beachtliches Raumprogramm realisiert worden mit einer beeindruckenden Kirche.

Grundriss der Anlage Q: Streicher/ Drave BSK 1979

Mitnichten war der damalige Pfarrer vom Projekt Brenninkmeyers überzeugt. Das bischöfliche Bauamt musste zu einer Umgehungslösung greifen, damit der Architektenvertrag unterschrieben werden konnte. Ferner lag noch mindestens ein weiterer Entwurf, der des Berliner Architekten Johannes Schaeffers, zur Auswahl vor. Ebenso gab es in der Gemeinde Stimmen die liebgewonnene Kapelle weiter zu nutzen. Zwar sind solche Bedenken nachvollziehbar, jedoch hätten wir dann eine moderne Kirche weniger.

Isometrische Ansicht, Q: Streicher/ Drave BSK 1979

Darüber hinaus kam ein Architekt zum Zug, der mit einem im Hannover und Augsburg vertretenen Büro einen großen Bekanntheitsgrad hatte. Albert Franz Brenninkmeyer, geboren 1924 in Amsterdam, entstammt der gleichnamigen deutsch-niederländischen Unternehmersfamilie und gilt als „erster Aussteiger“. Da er nicht wie Generationen zuvor in die C&A-Firmendynastie mit einstieg. Nach seiner Ausbildung in Kanada kehrte er nach Deutschland zurück und widmete sich dort unterschiedlichen Projekten, darunter auch einige Kirchen. In Rudow realisierte man einen zum hinteren Ende des Grundstücks (an der Neuköllner Straße) ausgerichtetes Ensemble mit einem E-förmigen Grundriss.

Blick von der Straße Alt-Rudow in Richtung Kirche, Foto: K. Manthey, 2021

Der Außenbau von St. Joseph

Giebel des Zeltes, Foto: K. Manthey, 2021

Die Kirche besteht aus einem steilen Spitzdach auf einem nahezu quadratischen Sockelgeschoss, aus ockergelbem Klinkermauerwerk, das weiterhin mit einem Band aus Betonelementen nach oben hin seinen Abschluss erfährt. Somit entsteht der Eindruck eines Zeltes auf einem Plateau. Das Motiv des Zeltes kommt neben dem des Schiffs und der Wohnung in der Nachkriegsmoderne häufig vor. Es handelt sich dabei übrigens um einen direkten (theologischen) Bezug zu der biblischen Überlieferung (z.B. im Johannesevangelium). Dabei ist es meiner Meinung nach in Rudow besonders klar und konsequent ausgeführt worden. Da der Glockenträger als Eingangstor an der Straße funktioniert, erhält der Kirchenbau, trotz der Anbindung an die Gemeinderäume eine solitäre Stellung. Der Grundstein von 1966 ist am Außenbau nahe dem Eingang zu finden. Geweiht wurde die Kirche schließlich 1967.

Josephsfigur von Gewers, Foto: K. Manthey, 2021

Innenraum

Die Kirche betritt man übrigens durch einen seitlich gelagerten Eingangsbereich. Im Vorraum finden sich neben einer Figur des Kirchenpatrons von Bernhard Gewers (Hagen) aus Mooreiche auch Betonglasfenster von Alexander Iwschenko aus Osnabrück. Darauf hin erreicht der Besucher den Kirchenraum.

Erster Blick in die Kirche, Foto: K. Manthey, 2021

Drei Bankblöcke gliedern das Hauptschiff (in frühen Planungen wird von 278 Sitzplätzen gesprochen). Dieses wird von kleinen Seitengängen im Erdgeschoss flankiert. Hier befindet sich ein aus Holz geschnitzter Kreuzweg von Prof. Buk aus Prag aus dem Jahr 1950. Der befand sich, ebenso wie vermutlich die Marien- und Josephsfigur im Altarraum aus der ersten St.-Josephs-Kapelle.

Blick zum Altar, Foto: K. Manthey, 2021

Der Altarraum ist um drei Stufen erhöht und vorgezogen. Die fensterlose Altarrückwand ist ebenfalls aus ockergelben Ziegeln gemauert. Davor hängt ein Bronzekreuz über dem Altartisch. Dieser ist aus hell grünem Sandstein, an der Stipes befinden stilisierte Reben und Ähren. Ebenso wir die Stele des Tabernakel. Der selbst ist aus Bronze gemacht, so wie auch die Front des Ambos. Als Künstler ist hier ebenfalls Bernhard Gewers angegeben.

Als einzige natürliche Lichtquelle dient übrigens der durchfensterte Giebel der Sichtfront gegenüber der Chorwand. Davor ist die Empore aus Stahlbeton gesetzt mit einem relativ schmalen Orgelprospekt.

Somit wird der Raum in dem Beton, ockergelber Backstein und Holz als Deckenverkleidung dominieren in ein warmes Licht getaucht. Unter der Empore, d.h. teilweise dahinter im Sockelbereich befinden sich die Beichtstühle sowie eine Werktagskapelle. Dort befindet sich u.a. ein Altar mit einem 1770 geweihtem Altarstein. Dahinter ein großflächiges Fensterbild aus Glasbetonsteinen ebenso von Iwschenko.

Fenster in der Werktagskapelle, Foto: K. Manthey, 2021

Würdigung der Kirche St. Joseph

St. Joseph besticht durch eine geometrisch einfach gestaltenden hochwertigen Baukörper. Dessen Innenraum abgestimmt ist und  atmosphärisch dicht wirkt. In dieser Kirche gelingt einem eine Einkehr. Darüber hinaus passt die Großteils qualitätsvolle Ausstattung zum Gesamteindruck. Übrigens ist St. Joseph tagsüber geöffnet. Zwar ist diese Kirche deutschlandweit weniger bekannt als andere Bauten der 1960er Jahre, trotzdem ist es ein Highlight der Nachkriegsmoderne im deutschen Sakralbau in idyllischer Lage im Süden Neuköllns, es ist ein Zelt Gottes unter den Menschen – auf jeden Fall eine Besuchsempfehlung!

Links

Weitere Kirchen in Berlin-Neukölln: https://kirchenbauforschung.info/?s=Neukölln

Über die Geschichte des Geländes ein Artikel in der Berliner Woche

Seite der Gemeinde mit der Geschichte der Kapelle

Blick in den 1. Hof, Foto: K. Manthey, 2021

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