St. Bonifatius, Herrnhut

Herrnhut, eine Stadt in Sachsen, ist vorrangig wegen der Brüdergemeine bekannt. Eine evangelische Glaubensrichtung, die aus Böhmen kommend in Herrnhut unterstützt durch den dortigen Landherren Graf von Zinzendorf erblühte. Bis heute prägen die berühmten Herrnhuter Sterne weihnachtlich geschmückte Kirchen und Wohnungen. Ebenso finden sie Losungen bei vielen Christen als Tagesimpuls aus der Heiligen Schrift hohe Beachtung. So finden sich in der Landstadt nahe dem sächsischen Dreiländereck viele Kulturschätze, der Kirchensaal, der Gottesacker usw. Mich beeindruckte bei meinem Besuch neulich, jedoch die schlichte katholische Diasporakirche St. Bonifatius besonders.

Seitenansicht von Osten, Foto: K. Manthey, 2022

Zur Geschichte der katholischen Gemeinde Herrnhut

1772 wurde die Siedlung Herrnhut auf dem Hut(s)berg bei Berthelsdorf zwischen Löbau und Zittau begonnen. Bereits 50 Jahre zuvor hatte Nikolaus Ludwig Graf von Zinzendorf Glaubensflüchtlingen aus Mähren, Aufnahme auf seinem Gut Berthelsdorf gewährt. Sie gehörten den Böhmischen Brüdern an, die sich auf die Lehre Jan Hus beriefen und nun in ihrer Heimat verfolgt wurden. Inwieweit es in dem Gebiet zuvor Katholiken gab, ist unklar. Jedoch gehörte die Stadt formell bis 1873 zur Pfarrei „Mariä Himmelfahrt“ Ostritz, dann nach Löbau.

Karte von Herrnhut, blau der zentral gelegene Kirchsaal der Brüderunität, rot die St.-Bonifatius-Kirche,
Q: https://www.openstreetmap.org

Schließlich wurde 25. Mai 1948 eine Lokalkaplanei in Herrnhut eingerichtet. Das heißt ein eigener Geistlicher vor Ort, der jedoch dem Pfarrer der Muttergemeinde zugeordnet war. Dies war zu der Zeit (ab 1924) die St.- Nikolaus-Pfarrei in Bernstadt. Im Dezember 1954 wurde der Grundstein für die erste eigene Kirche gelegt. Am 19. August 1956 fand die Kirchenweihe statt. Seit 2000 gehörten die Katholiken in Herrnhut zur Pfarrei „Mariä Namen“ in Löbau die 2019 in die Großpfarrei „St. Marien“ in Zittau aufgegangen ist. Gut 8000 Katholiken (unter ca. 173.000 Einwohnern) in einem großen Gebiet südlich von Görlitz. Sie gehören, übrigens, ins Bistum Dresden-Meißen.

Blick in den Vorraum, Foto: K. Manthey, 2022

Baugeschichte

Nach dem Zweiten Weltkrieg kamen zu den wenigen katholischen Arbeitern noch hunderte Vertriebene aus Schlesien und Böhmen. Da die Rotarmisten in Herrnhut Brände stifteten, teilten sich die Katholiken und Brüdergemeine lange die Gottesdiensträume. Daraus entstand eine Verbindung, die sich auch in der Gestaltung der Kirche niederschlägt. Versteckt und ohne hohen Turm, entstand an der Straße nach Oderwitz in zweiter Reihe, in den Räumen einer Tischlerei eine katholische Kirche. Von Beginn an, war der Raum durch Schlichtheit geprägt. So wie es auch die Säle der Herrnhuter Brüder sind. Dabei ist die Qualität des Raumes sehr bestechend.

Blick zum Altar, Foto: K. Manthey, 2022

Der Kunstmaler Emil Pischel (1908-89) aus Ostritz leitete die Innengestaltung. Bis auf zwei Ausnahme stammen das Sgraffito mit Christus dem Weltenherrscher, und die Kreuzwegstationen ebenfalls eine Kratztechnik in Zement. Zwei weitere Stücke kamen in den 1960er Jahren von Friedrich Press (1904-90) in die Kirche.

Eisenstabarbeit (Pischel?), Foto: K. Manthey, 2022

Beschreibung der Kirche in Herrnhut

Durch einen Vorbau mit turmartiger Struktur gelangt man in durch Vorräume in die Kirche. An dessen Giebelwand ist eine Eisenstabarbeit, die den Patron zeigt, angebracht. Ebenso beherbergt der Vorbau ein Treppenhaus ins Obergeschoß. Dort befindet sich auch die Reliquie des Bonifatius, eingelassen in eine Wandnische.

Bonifatiusreliquie, Foto: K. Manthey, 2022

Durch Schwingtüren aus dunklem Holz betritt man den Vorraum zur Kirche. Dort steht der Taufstein, das passende Symbol für den Eingang zum Kirchenraum. Dieser erschließt sich durch drei Doppeltüren rechter Hand. Unter einer verglasten Empore, mit eingebautem Beichtstuhl, beginnt der Kirchensaal in klarer Ausgestaltung. Helle Wände werden durch 10 bleigefasste Klarglasfenster mit Rundbogenabschluss durchgliedert, sie erleuchten den Raum natürlich. An der Wand im Nordwesten, befindet sich das fast farblose Sgraffito von Pischel mit einer Maiestas Domini (dem thronenden Christus als Weltenherrscher). Es ist, übrigens, in eine aus Putz hergestellte, geriffelte Fläche gearbeitet, die wiederum nur den Mittelteil der Wandfläche über die ganze Höhe abdeckt und somit den Raum gliedert. Davor steht ein massiver Altar.

Für diesen und den Altarraum verwandte man roten Kalkstein, Travertin, aus Thüringen herangeschafft. „Die Steine haben ein Gewicht von 9.000 kg. Umso beachtlicher, dass der Eisenbahnwaggon, der die Steine transportierte, von den Arbeitern in einem Kraftakt über Nacht entladen werden musste.“ Ist auf der Internetseite zu lesen (https://sankt-marien-zittau.de/gotteshaeuser/st-bonifatius-herrnhut). Der Chorraum verläuft über die gesamte Breite des Raumes, die steinerne Ausstattung erscheint dennoch wohl proportioniert. Die Kommunionbänke und der Ambo sind filigran aus Metall und Holz gearbeitet. Das Lesepult ist drehbar, so kann das Tagesevangelium aufgeschlagen und für Besucher einsehbar präsentiert werden. Rechts im Altarraum ist an die Wand der Tabernakel angebracht. Sein Türbild zeigt in geometrische Formen aufgelöst das apokalyptische Lamm als Zeichen der Eucharistie.

Die Arbeiten von Friedrich Press

Schutzmantelmadonna von Friedrich Press, Foto: K. Manthey, 2022

Ebenfalls rechter Hand an der Altarstufe steht die Schutzmantelmadonna von Friedrich Press, der später sehr expressive Künstler zeigt hier, wie auch im Taufstein noch einen hohen Grad an Figürlichkeit. Dennoch: „Die Chronik vermerkt, dass ihr Entstehen Anfang der sechziger Jahre streng vom Kunstbeauftragten des Bistums überwacht wurde. Sie war damals ein künstlerisches Wagnis der Moderne.“ (a. a. O). Der Dresdener Künstler war als einer der wenigen Expressionisten nach dem Zweiten Weltkrieg im Osten Deutschlands geblieben. Dort arbeitete er vorrangig für die beiden Kirchen. Press reduziert die Figur nahezu auf die Kanten und erzeugt damit Umrisse. Das Motiv der Schutzmantelmadonna ist spätmittelalterlich, der „Mantelschutz“ war ein Vorrecht hochgestellter Frauen. So konnten Sie Hilfe gewähren. Maria bietet mit dem Kind auf dem Arm denen Schutz, die sie darum bitten und ist Fürsprecherin für diese bei Gott.

Außerdem weist der Travertin Taufstein im Vorraum drei eingravierte Flachreliefs von Press auf. Sie zeigen „Jesus als der neue Mose“ (n. Mt 5,1-12), „Die Bewahrung der drei Jünglinge im Feuerofen“ (Dan, 3,1-30) sowie als weitere Szene des Alten Testaments den „Durchzug durchs rote Meer“ (Ex 14,1-31).

Würdigung

Die Kirche St. Bonifatius in Herrnhut ist bis heute beeindruckend. Vielleicht ist diese wertvolle und würdige Schlichtheit ein Grund, warum sie seit 1956 bestand hat. Selbst die Türen und Beschläge sind hochwertig. Gleichzeitig ist bis heute keine Orgel in der Kirche, ein Harmonium sorgt für musikalische Untermalung. Eine einfache Sitzheizung sorgt für Wärme unter den Bänken und dennoch beruhigt dieser Raum. Er beeindruckt da er klar und zielgerichtet funktioniert. Die Konzentration wir dort nicht abgelenkt. Stimmig lädt dieser 66jährige Raum die Besucher ein innezuhalten. Dort sieht man wie Ökumene auch funktioniert, eine Minderheit orientiert sich, durchaus erfolgreich, an der Mehrheitsreligion. Wer Herrnhut besucht, sollte St. Bonifatius unbedingt auf dem Zettel haben.

Blick zur Empore, Foto: K. Manthey, 2022

Weiterführende Links

Seite der Kirchengemeinde: https://sankt-marien-zittau.de/gotteshaeuser/st-bonifatius-herrnhut/

Seiten der Stadt Herrnhut: https://www.herrnhut.de/tag-der-offenen-tuer

Eine Berliner Press-Kirche
Eine Herrnhuter Gründung

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