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St. Nikolai und St. Katharina, Görlitz

St. Nikolai und St. Katharina liegt eingebunden in den Kirchhof, einen der schönsten Friedhöfe Deutschlands. Dort finden sich bis heute etliche historische Grabmale aus der Zeit nach 1700 sowie u.a. die Ruhestätte Jacob Böhmes (1575-1624) des „ersten deutschen Philosophen“, wie Hegel ihn bezeichnete. Der berühmteste Sohn der Stadt war gelernter Schuhmacher und verfasste als Mystiker, Philosoph und christlicher Theosoph als erster Texte in deutscher Sprache. Ebenso sind viele andere honorige Familien und Persönlichkeiten der Görlitzer Stadtgeschichte dort begraben. Bis heute ist die mittlerweile etwas am Rand der Innenstadt gelegene Gegend ein Besuch wert und nahezu ein Geheimtipp. Die Kirche hingegen bietet Innen eine große Besonderheit, ein Gedächtnisort der Zwischenkriegsmoderne in gotisch-barockem Gewand. Zum Glück ist das Gotteshaus in der Regel für Besucher geöffnet.

Der Nikolaikirchhof, Foto: K. Manthey, 2022

Vorgeschichte

St. Nikolai war also ursprünglich die erste Pfarrkirche der Neiße-Stadt. Dort in der Umgebung ist die erste nachweisliches Ansiedlung von Görlitz im 11. Jahrhundert als „Villa Gorelic“ beurkundet. In diesem Teil lag mit dem Steinweg auch die erste befestigte Straße der Region. Diese war Teil der „via Regia“ der wichtigsten Handelsstraße von Frankreich gen Osten im gesamten Mittelalter. Somit hatte die im Spätmittelalter errichtete Kirche einen Vorgänger Bau aus der Zeit um 1100. Es muss eine Holzkirche mit einfachem Dach gewesen sein.

Das Patrozinium

Da bereits zu Beginn etliche Kaufleute entlang der Straße lebten, ist das Patronat der des Nikolai, dem Schutzheiligen der Händlergilde und der Schiffer, die mit ihren Booten die Neiße nutzbar machten. Mit dem Anwachsen der Stadt kam die Heilige Katharina als Namensgeberin hinzu. Sie ist u.a. die Schutzpatronin der Wagenbauer und Rademacher. Bis zur Reformation bliebt die Kirche St. Nikolai pro forma zwar die Hauptpfarrkirche. Doch die immer prächtiger ausgebaute zweite Stadtpfarrkirche oberhalb der Neiße, St. Peter und Paul lief ihr den Rang ab. 

Ansicht von Görlitz um 1500, rechts St. Nikolai noch ohne Dach, Holzschnitt, von Anonym – Universitätsbibliothek Salzburg, G 106 III (aus dem ehemaligen Wolf-Dietrich-Klebeband Städtebilder; alte Signatur: V.4.A.14); www.ubs.sbg.ac.at, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=22869820 (30.10.2022)

Baugeschichte

Ansicht von Norden, historische Postkarte, Q. https://static3.akpool.de/images/cards/293/2933274.jpg (30.10.2022)

Somit wurde der bereits 1452 begonnene massive Neubau der Kirche von St. Nikolai erst 1520 eingeweiht. D.h. 20 Jahre später als die Konkurrentin, 200 Meter entfernt. Dabei erhielt St. Peter und Paul seine Stadtbildprägende Doppelturmanlage erst 1891. Zwar stellte man den Außenbau der Kirche in der Nikolaivorstadt fertig, doch im Inneren war noch keine Einheitlichkeit hergestellt und blieb unvollendet. Gut 120 Jahre nach der Weihe brannte die Kirche mit anderen Gebäuden vollständig aus. Nach Sieben Jahren war der Raum wieder hergestellt. Jedoch wurde die Kirche 1717 erneut Opfer der Flammen. Viele Spenden aus der Stadt und darüber hinaus sicherte nun einen zügigen Wiederaufbau. Ende des Jahrhunderts kam ein Dachreiter-Turm auf die Kirche. Mittlerweile war die Kirche vorrangig für Trauerfeiern genutzt worden.

Blick auf St. Peter vom Nikolaikirchhof, Der Nikolaikirchhof, Foto: K. Manthey, 2022

Außenbau

Im Jahr 1452 begann der Bau einer massiven Kirche. Geplant als dreischiffige Hallenkirche mit aufwendigem Dach und sicherlich ebenso wertigem Gewölbe geriet St. Nikolai zu einer immerwährenden Baustelle. Während die gut 30 Jahre zuvor begonnene Großkirche St. Peter und Paul wuchs, hatte man beim Bau des neuen Gotteshauses im Siedlungskern mit etlichen Problemen zu kämpfen. Nur schleppend kam man voran. Die geplante Dachkonstruktion trug nicht und so musste neu eingedeckt werden. Anscheinend hatte man sich mit dem Projekt übernommen, hinzu kommen die Brände und andere Rückschläge. So dass Nikolai über Epochen hinweg entstand.

Ausschnitt der Stadtansicht von 1575, rechts unter dem Wappen und ohne Dach, St. Nikolai und St. Katharina. Von Frans Hogenberg – Georgius Braun or Bruin (1541 – 1622) & Frans (Franciscus) Hogenberg (1535 – 1590): De praecipuis totius urbibus liber secundus.; Köln (Cologne) 1575., Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=2917208 (30.10.2022)

Die äußere Wirkung ist heute kastenförmig. Dies wird durch geraden Abschluss im Westen und die einfache Walmdachkonstruktion hervorgerufen. Im Osten endete der Bau mit einem über die gesamte breite angeschlossenen Umgangschor mit Fünf-zwölftel-abschluss. Der eckige Dachreiter ist, wie geschrieben, eine spätere Zutat. Heute wird die Kirche durch das Portal im Westen erschlossen. Im Norden befindet sich die angebaute Sakristei. An der Außenwand sind Grüfte an die Kirche gebaut. Der hervorgehobene Bauplatz zeugt von der Wichtigkeit der Familien, bspw. Scholz von Schollenstern (Südosten) oder die Grablege der Emmerichs (Nordwesten). Darüber hinaus macht dies die seit Jahrhunderten vorherrschende Nutzung der Kirche als Trauerkirche deutlich.

Ein Zeichen für die angestrebte Hochwertigkeit liefert das wohl nie ganz fertiggestellte Portal im Süden des Gebäudes. Es stammt aus der Bauphase ab 1515. Das erhaltene Supraporten Relief zeigt die eine Kreuzigungsgruppe, mit Maria und Johannes, flankiert von zwei größeren Skulpturen der beiden Patrone Nikolai und Katharina. Die Qualität der Arbeit zeugt von einem geschulten Meister sicherlich aus dem Umfeld einer größeren Bauhütte. Zudem verweisen die unfertigen Rippenbögen von einer größeren Planung, z.B. für eine Baldachinkonstruktion über dem Eingang zur Stadt hin.

Portalrelief, Südseite, mit unvollendetem Abschluss, Foto: K. Manthey 2022

Innenausstattung

Historische Innenraumgestaltung bis 1926, Q: Horst Wenzel: St. Nikolai zu Görlitz. Gotteshaus und Kirchhof, Görlitz 1999, Rückseite Titelblatt

Für das Mittelalter sind für die Kirche ein St.-Nikolaus-Altar und wenig später einer der Hl. Katharina geweihten Opfertisch belegbar. Diese beiden und ebenso sechs Seitenaltäre fielen einem der Brände zum Opfer.

Hauptaltar, Foto: K. Manthey 2022

Mittlerweile steht ein Barocker Altaraufbau im Chorscheitel. Dessen Tafelbild zeigt den Ostermorgen mit den Frauen am Grabe Jesu. Es ist jedoch eher dem 19. Jahrhundert zuzuordnen. Mit der Barockisierung 1722 erhielt die Kirche eine von zwei Stützenreihen getragene Flachdecke. Diese war illusionistisch bemalt und schloss die bis dahin unfertige Decke ab. Die Postament Malereien am Hauptaltar stellten vermutlich einen Bezug zur Decke her. Der links aufgestellte klassizistische Kanzelaltar stammt aus der Kirche in Tzschelln. Das Dorf wurde 1979 für den Braunkohletagebau weggebaggert. Mittlerweile finden in St. Nikolai regelmäßig Ausstellungen statt.

Umbau zur Gedächtniskirche ab 1926

St. Nikolai im Sommer 2022, Foto: K. Manthey 2022

Martin Elsaesser

In der Folge des Ersten Weltkriegs wurde die Begräbniskirche zur Gedächtniskirche für die gefallenen Görlitzer Soldaten umgestaltet. Es entstand schließlich ein innenarchitektonisches Gesamtkunstwerk. Die Leitung hatte hierbei der Architekt Martin Elsaesser (1884-1957). Er war nach dem Studium in München und Stuttgart dort dann außerordentlicher Professor, Präsident des Bund Deutscher Architekten (BDA), 1919/20. Anschließend ging er bis 1925 als Leitender Direktor an die Kunstgewerbeschule nach Köln, der späteren Kölner Werkschulen. Dann folgte er dem Ruf von Ernst May nach Frankfurt am Main als Leiter des Hochbauamtes. Seine Kernaufgabe dort war zuständig für das Stadtplanungsprogramm „Neues Frankfurt“. Elsaesser blieb bis 1932. Die Umgestaltung in Görlitz lag in dieser Zeit. 1926 und 27 wurde die Nikolaikirche umgestaltet.

Neugestaltung von St. Nikolai und St. Katharina

Nun kamen schmalere Stützen auf sternförmigen Grundriss, die eine Gratgewölbedecke tragen. Diese ist aus Rabitz, einer Konstruktion aus einem Metallgitter an dem Putz angebracht wurde. Somit kann eine leichte Konstruktion in vielfältigen Formen entstehen. Dort entsteht in expressiver Vereinfachung ein gotisches Gewölbe, welches es nie vorher gab.

Ebenso wurde als wichtiges neue Bauelement eine Empore ins westliche Joch eingefügt. Darunter entstand ein Eingangsbereich. In der Mitte der Empore ragt eine bugartige Auskragung hervor. Expressive Spitzbögen definieren die Flächen. Die raumprägende Gestaltung ist die Ausmalung durch Professor Schröder. Er lehrte dekorative Malerei an der Kölner Kunstgewerbeschule ebenso wie damals Elsaesser. In horizontalen Linien verschiedener Stärke sind alphabetisch die Namen von 2200 Gefallenen aufgeführt. In der Zeile darunter befinden sich Dienstgrad, Einheit und Sterbedatum. Als Farbgebung finden sich in der Wandbemalung Grautöne, rote und blaue Akzente. Goldene Anfangsbuchstaben rhythmisieren das Wandbild. Diese Form der Erinnerungstafel ist einzigartig. An der Nordwand durchbrechen zwei tiefblaue Türen die Fläche, ebenso wir ein Epitaph.

Nordwand

Hans Wissel

Als prägende Werke sind die beiden Figuren des Metallbildhauers Hans Wissel (1897-1948) an der Empore zu benennen. Sie zeigen im Süden die trauernde Mutter sowie den trauernden Soldaten im Norden. Diese Blechtreibarbeiten haben eine futuristische Qualität. Wissel war ein Vorreiter der Metallverarbeitung. Zwar hatte er von 1933 bis Kriegsende eine Kunstprofessur in Königsberg inne, trotzdem wurden einige seiner Werke als „entartet“ beschlagnahmt. Neben Elsaesser arbeitete der Metaltkünstler ebenso mit den Kirchenarchitekten Dominikus Böhm und Otto Bartning zusammen. Viele seiner Arbeiten in Kirchen blieben erhalten. Hingegen sind etliche andere nach dem Krieg verloren gegangen.

Detailaufnahme der trauernden Mutter von Wissel,
Q: https://gildenhall-horizonte.de/wp-content/uploads/2020/12/P1270079-Mittel.jpg (30.10.2022)

Die weitere Geschichte von St. Nikolai und St. Katharina

Diese besondere Ausgestaltung der Kirche veränderte auch die bis dahin sehr gute Akustik. Als Konzertkirche konnte diese nun nicht mehr genutzt werden. Ebenfalls kam aufgrund der Bodenfeuchte bald zu Ausblühungen u.a. von Salpeter in den Wänden. Sodass die Wandfassung mit den Namen an den Seitenwänden bald in Mitleidenschaft gezogen wurden und zumindest teilweise in der Folgezeit entfernt wurden.

Nachkriegszeit

1945, übrigens, war die Kirche eine Leichenhalle. Das nahegelegene Krematorium und die gesamte Friedhofsstruktur waren mit der hohen Zahl der Toten überlastet. Die Schäden in der Kirche blieben. Erst nach 1967 wurde die Kirche langsam saniert. Zwischenzeitlich stand ein Abriss im Raum. Doch mit erheblichen Geldmitteln vor allem aus der westdeutschen EKD konnte die Kirche in den 1970er Jahren gesichert werden. Dabei wurden bis auf die Westempore alle Wände getüncht. Anstatt der Ausmalung mit den Namen der Gefallenen kamen Schmiedeeiserne Grabkreuze an die Wände. Diese stammten aus Dörfern, die dem Tagebau zum Opfer fielen. Einige davon sind heute noch im Chorraum.

Metall-Kreuze und Figuren im Chorraum. Foto: K. Manthey 2022

Ebenfalls diente die Kirche in den Wendejahren als Lagerort für die üppige, meist barocke Ausstattung der Kirche aus Deutsch-Ossig, einem weiteren Ort, der für die Kohleförderung aufgegeben wurde. Übrigens wurde eine Kopie der Kirche mit der historischen Einrichtung als Kopie in Görlitz-Königshufen wieder aufgebaut. Zwar hatte St. Nikolai immer noch keine sichere Nutzung, doch mit dem Jacob-Böhme-Jahr 1999/2000 kam eine erste Ausstellung. Mittlerweile ist die Kirche gut besucht und zeigt regelmäßig Schauen. Seit 2016 wird die Wandfassung von 1926 wieder hergestellt, gefördert durch die Deutsche Stiftung Denkmalschutz. Somit wird die Kirche zu einem wichtigen Ort für die Gestaltung der Zwischenkriegsmoderne und ein Gedächtnisort.

Zusammenfassung Würdigung

Die Qualität von St. Nikolai und St. Katharina vor allem durch die Neugestaltung der 1920er Jahre ist einzigartig. Mit dieser Maßnahme schuf die Stadt aus einer bisher vernachlässigten Kirche einen würdigen Ort. Dazu kommt, dass die Kultur der Gedächtniskirchen (interner Link) infolge des Ersten Weltkriegs, ein relativ später Reflex war. Nichtsdestotrotz erscheint der Schritt mit gemeinsamem Erinnern das Trauma des großen Krieges anzugehen eine gute Lösung gewesen zu sein. Etliche Kirchen in Deutschland entstanden Ende der 1920er Jahre. So z.B. die Frauenfriedensgedächtniskirche in Frankfurt am Main, die Kaufmannsgedächtniskirche St. Bonifatius in Leipziger sowie die Friedensgedächtniskirche zur Heiligen Familie in Berlin u.v.m. Dort in Görlitz war es jedoch nicht, wie bei den anderen Fällen eine Nebennutzung, St. Nikolai war eine Begräbniskirche und ein Gedächtnisort für die Toten des Krieges in einer Stadt.

Decke nach dem Umbau 1926, Foto: K. Manthey, 2022

Mich hat die hochwertige Gestaltung von Elsässer, Schröder und Wissel in ihren Bann gezogen. Es ist durch wenige Eingriffe ein modernerer Ort zur kollektiven Erinnerung entstanden. Dafür lohnt es sich nun wieder neu sichtbar zu werden. Wir dürfen gespannt sein wie der Ort nach Fertigstellung der Restaurierungsmaßnahmen wirkt und angenommen wird. Durchaus möglich, dass somit die Kirche St. Nikolai und St. Katharina, die mittlerweile im Besitz der evangelische Kulturstiftung Görlitz ist ein Erinnerungs- und Kulturort auf Zukunft wird. Wer in Görlitz ist, sollte diesen kleinen Umweg abseits der Standardrouten machen.

Choransicht von Süden, Foto: K. Manthey, 2022

Links

Seite zu Hans Wissel

Homepage der Kirche bei der Kulturstiftung: https://www.evkulturstiftunggr.de/nklkirche.html

Interneteintrag bei der Deutschen Stiftung Denkmalschutz: https://www.denkmalschutz.de/denkmal/Nikolaikirche-Goerlitz.html

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