Tägliche Kirche, Nr. 106, St. Elisabeth, Berlin-Schöneberg

St. Elisabeth in der Schöneberger Kolonnenstraße ist bis heute nahezu bau-zeitlich erhalten geblieben. Mitten auf der „Roten Insel“, einem durch Eisenbahnlinien gebildeten Gebiet erhielt man 1886 ein Grundstück. Dort in dem „kleine Leute Viertel“, wo ferner die SPD und später die Kommunisten das Sagen hatten. Im schnell wachsenden Berlin war neuer Kirchenraum dringend notwendig. Zählte doch die Muttergemeinde St. Matthias 1904 bereits 25.000 Mitglieder.

St. Elisabeth, hist. Ansichtskarte, Q: Slg. Manthey

Geschichte des Ensembles

Dort errichtete der Berliner Bauunternehmer Emil Haendly nach Plänen des Kölner Dombaumeisters Bernhard Hertel (1862-1927) ab 1907 zuerst eine Kapelle im Erdgeschoss und einen Kindergarten im Souterrain sowie Schwesternwohnungen unterm Dach eines 1,5 geschossigen Haus. Ebenso wurde ein 5stöckiges Wohnhaus erbaut. Die dort eingenommene Miete diente zur Finanzierung des gesamten Neubeu-Projekts.

B. Hertel, Grundrissplan um 1910, Q: PfAR St. Matthias

Der Bau der Kirche

In jener Zeit hatte die Gemeinde bereits 7000 Seelen. Übrigens betrug die Bauzeit nur 9 Monate, so dass die Weihe der Notkirche im November 1909 erfolgen konnte. Ebenfalls wurde ein Hofgebäude als Kinderheim errichtet. Schließlich schloß man im Oktober 1910 den Vertrag zum Kirchenbau. Dafür waren regionale Baumaterialien aus Rüdersdorf (Kalk, Kalkstein), Rathenow (Ziegel) und Berlin Villeroy & Boch Fliesen u. ä. verwandt.

Aussenansicht von der Kolonnenstraße, Die Kirche steht im Block, Foto: K. Manthey, 2017

Es entstandt ein einschiffiger Wandpfeilersaal in der Häuserzeile. Darüber hinaus wurde unter die Kirche ein großer Saal gebaut. Das ist an sich eine Besonderheit, denn profane Räume unter Kirchen waren nicht gewollt. Daher ist übrigens auch der Fußboden der Kirche nicht aus Stein sondern ein Parkett. Nahezu die gesamte Fassade ist der Turm. Diesen sieht man dafür auch weit die Straße entlang.

Detail vom Portal, an den Knäufen sind die Namen der relevanten Personen eingraviert, hier von Fürstbischof Kardinal Kopp, Foto: K. Manthey, 2017

Ausstattung und Innenraum

Die Ausstattung von St. Elisabeth zählt zu den vollständig erhaltenen historistischen Kirchengestaltungen (bis auf die Fenster). Nach der Weihe 1911 kam sukzessive Ausstattung bis 1926 hinzu.

Kanzel mit Josephsbild von 1915, Foto: K. Manthey, 2017

Beispielsweise die Kanzel mit Schalldeckel und Josephsbild von A. Becker (1915).

Becker & Moormann, Modell des Hochaltars um 1911, Q: PfAR St. Elisabeth

Ebenso lieferten die Holzbildhauer Becker und Moormann aus Wiedenbrück Anfang 1920 die „Vier Seitenflankenfiguren für den Hochaltar“.

Der Bauherr Pfr. Grabe sammelte übrigens bis Gelder 1932 für die Innengestaltung. Um 1938 kam die Krippe hinzu und eine neue Orgel der Fa. Walcker.

Die Krippe, Foto: K. Manthey, 2017

Jedenfalls war die Gemeinde 1941 Schuldenfrei. Am Ende des Krieges kam es zu Bombenschäden an Dach und Turm und die Fenster wurden zerstört. Doch Kirche und Pfarrsaal blieben weitestgehend intakt. Somit waren sie weit und breit die einzigen nutzbaren Großräume beispielsweise, für Flüchtlingsgottesdienste, die Jahrtausendfeier der Bistümer Brandenburg und Havelberg usw. 1954 ist die Kirche dann wieder voll hergestellt. Übrigens feierte ein Kind der Gemeinde 1950 dort seine Primiz. Es ist Alfred Bengsch, sein Bruder Georg folgte 1954.

Kowalski, Fenster mit Bistumspatronen, 1961, Foto: K. Manthey, 2017

Neue Fenster und alter Hochaltar

Obenrein werden die neuen großen Fenster 1960-61 von Prof. Ludwig Peter Kowalski (1891-1967) geschaffen. Die gesamte Ausstattung ist kleinteilig und bietet ein reichhaltiges theologisches Konzept.

Figurengruppe des Hochaltars, Foto: K. Manthey, 2017
Altar mit Retabelaufbau, Foto: K. Manthey, 2017

Der Hochaltar z. B ist ein Abbild des Himmels, die Vorschau auf das was uns erwartet. Dabei wurde viel Wert auf die detaillierte Ausarbeitung der einzelnen Figuren der Kreuzigungsszene gelegt.

Erste Ausmalung (vermtl. angeheftete Skizzenblätter) der Altarwand, nach Art der Beuroner Schule, noch ohne Flankenfiguren, Aufn. vor 1920, Q: PfAR St. Elisabeth

Darüber hinaus wurde sogar Hintergrundbild der Szenerie wohl in den 1920er Jahren noch einmal neu gemalt.

Würdigung

Stilitisch ist St. Elisabeth kein reiner historistischer Bau. Die Kirche ist nicht nur neugotisch als vielmehr eine Mischung der verschiedenen Stile. Insofern deutet die Holztäfelung auf Renaissance, Leuchter und die Dekore auf den Jugendstil oder romanische Einflüsse hin. Diese Dichte und der damit verbundene inszenatorische Wille sind eine große Ausnahme für die Kirchen Berlins. Für den Großstadt-Apostel Carl Sonnenschein, übrigens, war St. Elisabeth die schönste Kirche der Stadt.

Blick in die Sakristei, Foto: K. Manthey, 2017

Weiteres im Netz

Die Reihe seit 106 Tagen hoch interessant: https://kirchenbauforschung.info/taegliche-kirche/

Die ausführliche Seite zur Kirche auf der Gemeindehomepage: https://st-matthias-berlin.de/kirchen/st-elisabeth-2.html

Bilder vom Weihetag
Ansichtskarte mit Zeichnung von Hertel als Illustration einer Vortragsankündigung

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