Tägliche Kirche, Nr. 59, Erster Entwurf Hedwigskirche, Berlin

Heute gehen wir mit einem Entwurf weit in die Anfänge der katholischen Gemeinde in der preußisch-protestantischen Hauptstadt Berlin zurück. Bekannt ist, dass die Katholiken nach Jahrhunderten eine erste Kapelle in der Krausenstraße zuerkannt bekamen. Zuvor war der Gottesdienst nur bei den Gesandtschaften katholischer Staaten möglich, dabei soll es wohl auch für Berliner in der österreichischen Vertretung ein „Betzimmer“ gegeben haben.

„Zu Ende seiner Regierung hatte Friedrich Wilhelm I ein, in der Krausenstraße gelegenes Magazin zu einer Kapelle für den katholischen Gottesdienst einrichten lassen.“

(August Brass, Chronik von Berlin, Potsdam und Charlottenburg, 1843, S. 355)

Pesne, Weihnachtsbild, Barock, Bode-Museum, Kirchenbauforschung
Antoine Pesne (1683-1757), Die Anbetung der Hirten, um 1748. Foto: K. Manthey 2018.

Bei dieser Kapelle gehen wir davon aus, dass der preußische Hofmaler Antoine Pesne (1783-1757), Teile der Ausstattung gemalt hat. Dies wohl auf Geheiß und Bezahlung des Königs. Überkommen ist die mittlerweile im Bode-Museum ausgestellte Weihnachtsdarstellung, eine Anbetungsszene. Dies ist wohl eine der liebreizendsten Arbeiten des Franzosen. Leider sind mir bisher keine Abbildungen der Kapelle in der Krausenstraße bekannt.

Weg zu ersten katholischen Kirche

Abgesehen davon ist eine Entwurfszeichnung, die dem königlichen Baurat (Johann) Philipp Gerlach (1679-1748) zugeschrieben wird, sehr interessant. Dieser Architekt war prägend für die bauliche Entwicklung der Stadt. Dabei sei nur an das erste Brandenburger Tor, die Berliner Garnisonkirche oder auch die noch originale Sophienkirche erinnert. Ebenso ist die mittlerweile wieder betürmte Parochialkirche ein Bau von Gerlach.

Warenhaus Tietz an der Leipziger Straße, 1. Bau, eröffnet 1900, Q: wikipedia commons, https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/b/bc/Warenhaus_Tietz_Leipziger_Str._1900.jpg (Zugriff: 18.5.2020)

Für die katholische Gemeinde liefert Gerlach einen ersten Entwurf. Diesen reichte übrigens die Gemeinde ein. Ob also hier der König selbst aktiv war bleibt unklar. Dort wo ab 1900 das Warenhaus Tietz eröffnete, sollte der Bau stehen. Demzufolge hätte die Kirche unweit vom Hausvogteiplatz gestanden. Gegenüber der Jerusalemer Straße auf der Südseite der Leipziger, hier stehen heute u.a. zwei Hochhäuser der 1960er/70er und ein Dienstleistungskomplex.

Reproduktion des Entwurfs im archivo general de Simancas, Q: PfAR St. Hedwig

Dort war ein katholischer Komplex aus Kirche, Invalidenhaus für Soldaten und Waisenhaus geplant. Somit wäre das katholische Zentrum an die Leipziger Straße gerückt. Die überkommene Zeichnung des Entwurfs zeigt die Vorderansicht.

Detail der Kirche, archivo general de Simancas, Q: PfAR St. Hedwig

Eine Kirche mit Doppelturmfassade und überdimensionierter Krone auf dem geschwungenen Giebel zeugt außerdem vom Verständnis Gerlachs über katholische Kirchen. Gut möglich, dass die Bekrönung ein Hinweis auf das Patrozinium war. Dafür käme beispielsweise Maria Himmelskönigin in Betracht. Betrachtet man jedoch die vielgliedrig angelegte Portalfront und die horizontale Gliederung, war durchaus eine wirksame Kirche angedacht.

Detail des geplanten Invalidenheims und Waisenhaus, archivo general de Simancas, Q: PfAR St. Hedwig

Ferner wies das daneben angeordnete Gebäude zweieinhalb Geschosse auf und bot ganz in Barocker Art eine abwechslungsreiche Gliederung.

Fazit und Würdigung

Ob wirklich Philipp Gerlach der Verfasser war ist nicht ganz nachzuvollziehen. Zumal diese Abbildung in Spanien in der Region Leon aufbewahrt wird. Trotzdem erscheint es sehr wahrscheinlich, dass der königliche Baumeister bzw. sein Büro die Planung durchführten.

Seitenansicht der Sophiekirche mit neuem Turm, Q: wikipedia commons, https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/2/27/1738_Sophienkirche.jpg?uselang=de

Wenn man auf die beiden Türme schaut, fallen Ähnlichkeiten zum Turm der Sophienkirche auf. Doch diesen errichtet der Turmbaumeister Johann Friedrich Grael (1707-40) nachträglich 1734. Nichtsdestotrotz muss das kein Widerspruch sein. Hatte der junge Grael doch auch zuvor mit Gerlach zusammen gearbeitet. Gut möglich, dass sich beide beeinflusst haben.

Doch diese Turmfassade nebst caritativer Einrichtung hätte neben dem für den König wichtigen Versorgungszweck auch ein würdevoller Bau sein können. Schließlich kam es anders und nicht die Qualitäten Gerlachs und seines Umkreises kamen zum Tragen, sondern die seiner Nachfolger Jan Boumann (1706-76) und Georg Wenzeslaus von Knobelsdorff (1699-1753). Jetzt aber als zentraler Rundbau, der noch prominenter lag. Dazu sicherlich später mehr.

Weitere Links

Die Reihe: https://kirchenbauforschung.info/taegliche-kirche/

Zum Bild von Pesne

Biografie zu Philipp Gerlach: https://www.diegeschichteberlins.de/geschichteberlins/persoenlichkeiten/persoenlichkeiteag/455-gerlach.html

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