Maria Regina Martyrum, Berlin-Charlottenburg

Maria Regina Martyrum ist die Gedenkkirche der Deutschen Katholiken für die Opfer der NS-Gewaltherrschaft (offiziell: „Gedächtniskirche der deutschen Katholiken zu Ehren der Blutzeugen für Glaubens- und Gewissensfreiheit aus den Jahren 1933-1945“). Mitten in einem zur gleichen Zeit entstehenden Wohngebiet in der Nähe von Schrebergärten wurde bis 1963 durch den Würzburger Diözesanbaurat Hans Schädel (1910-96) zusammen mit seinem Mitarbeiter Friedrich Ebert eine Inkunabel des Nachkriegskirchenbaus geschaffen. Dabei wurde dieses Projekt durch den fünften Berliner Bischof, Julius Kardinal Döpfner initiiert.

Vorgeschichte

Ihren Anfang nahm die Idee für eine Erinnerungskirche auf dem Deutschen Katholikentag 1952 in Berlin durch Bischof Wilhelm Weskamm. Darüber hinaus entfaltete das Vorhaben eine breite Wirkung. Denn der Bau einer Kirche mit dem Hauptzweck des Gedenkens war ein eindeutiges Signal gegen das Vergessen. Ebenso wurde damit der Anspruch der „freien Welt“ unterstrichen sich dem historischen Erbe in demokratischer Weise zu stellen – eine klare Abgrenzung gegenüber dem verordneten antifaschistischen deutschen Staate, der sich in den Folgejahren im Osten Deutschlands versuchte zu etablieren.

Lageplan der Kirche, aus: Maria Regina Martyrum, Gedächtniskirche der deutschen Katholiken zu Ehren der Blutzeugen für Glaubens- und Gewissensfreiheit, Festschrift zur Einweihung, Berlin 1963.

Baugeschichte

Auf dem Katholikentag 1958 ebenfalls in Berlin gelobte Bischof Döpfner den Bau einer der Gedenkkirche. Deutschlandweit wurde Geld gesammelt. Mit der Entscheidung für das Projekt wurden vier Architekten von Rang und Namen angefragt. Neben Hans Schädel und Friedrich Ebert, waren Reinhard Hofbauer (1907-76), Willy Kreuer (1910-84), und Rudolf Schwarz (1897-1961) mit in der Auswahl.

Eine Entwurfsvariante von Willy Kreuer (Modell zum Wettbewerb), aus: Der Tag, Sonntag, 10.1.1960.

Übrigens lieferte auch Schädel vorab ein Projekt, welches verworfen wurde. Vermutlich handelt es sich um den hier gezeigten Plan. Dort steht bereits die Hofanlage fest, jedoch ist die Ausrichtung der Kirche noch eine anderer. Anstatt quer zum Hof und somit parallel zur Straße war Entwurf Nummer eins um 90Grad gedreht. Darüber hinaus waren flankierende Gärten geplant.

Ausschnitt aus einem Grundrissplan von Hans Schädel und Friedrich Ebert mit anderer Ausrichtung um 1960,
Q: ZR EBO Maria Regina Martyrum.

Der heutige Bau wurde im Mai 1963 von neunen Bischof Bengsch gemeinsam mit Erzbischof Döpfner (jetzt München) geweiht. Übrigens war die Kirche auch Gemeindekirche für Charlottenburg-Nord. Erst mit der Umstrukturierung der Gemeinden im Bistum, 1981, wurde aus den ehemaligen Gemeindebauten mit Kindergarten die Klausur und Räume für ein Kloster. 1984 kamen die unbeschuhten Karmelitinnen aus Dachau. Somit wurde durch den kontemplativen Frauenorden das Anliegen des Gedenkens noch verstärkt.

Die Anlage der Kirche aus der Vogelperspektive, um 1963, Fotopostkarte, Q: Slg. Manthey.

Zur Baugestalt

Der Ort für die Kirche wurde mit Bedacht gewählt für Charlottenburg-Nord, das umliegende Neubaugebiet und in Nähe der Gedenkstätte Plötzensee, eigneten sich gut für die ursprüngliche Doppelfunktion. Der klare Bezug zu dem Ort der Folter und des Leidens ebenso für viele christliche Märtyrer, die Mordbaracke des Gefängnis Plötzensee. Übrigens im Jahr der Einweihung von Maria Regina Martyrum entschied sich die evangelische Kirche ebenfalls für einen Neubau in Charlottenburg-Nord. Das 1970 eingeweihte Gemeindezentrum mit unscheinbarer integrierter Kirche erzählt eine andere Geschichte kirchlichen Bauens. Doch besonders die Kirche ist nicht weniger beeindruckend und nimmt mit ihrem Totentanz von Alfred Hrdlicka (1928-2009) klar Bezug zu Plötzensee.

Eingang zur Kirchenanlage, Foto: K. Manthey, 2021.

Schließlich entstand auch für die Katholische Kirche ein in Bauformen ausgedrücktes Gedenken. Man betritt den Bereich durch ein Tor gegenüber dem Campanile. Dort finden sich zwei in Beton gearbeitete Zitate von Papst Pius XII (1876-1958) und Julius Kardinal Döpfner (1913-76). Es sind schriftliche Zeugen der Entstehungsgeschichte der Kirche.

Blick auf die Kreuzwegstationen von Hajek an der Ostwand des Feierhofs, Foto: K. Manthey, 2021.

Feierhof

Nun steht am in einem ummauerten Hof mit nahezu schwarzen Waschbeton ausgekleidet, symbolisiert er das Leid, mit einem Kreuzweg von Otto Herbert Hajek (1927-2005). Dabei heißt dieser Teil der Anlage Feierhof. Er verfügt über einen Außen-Altar unter der Kirche, im rückwärtigen Bereich des Hofes befindet sich eine Darstellung der Flucht nach Ägypten von Johannes Dumanski (1919-1990).

Über dem Hof stehen schmale Scheibenwände- Diese erscheinen nahezu weiße. Ein Kastenbau wie ein Himmelsschrein schwebt über der Anlage. Der Eingang zur Kirche befindet sich unter der monumentalen Plastik „apokalyptisches Weib“ von Fritz König (1924-2017).

Apokalyptische Frau von Fritz Koenig, Foto: K. Manthey, 2019.

König war Jahrgang 1924. Er studierte Bildhauerei an der Akademie der Bildenden Künste München schließlich als Meisterschüler von Anton Hiller. Sein vielfältiges Werk ist weltweit verbreitet. Er ist einer der international bekanntesten Künstler Deutschlands im 20. Jahrhundert. Sein Hauptwerk Große Kugelkaryatide N.Y. stand vor dem World Trade Center in New York. Zu dem Projekt Maria Regina Martyrum trug er neben der vergoldeten apokalyptischen Frau auch die Pieta in der Krypta bei.

Gesamtansicht in Richtung Altar, Foto: K. Manthey, 2019.

Kirchenraum

Neben der „Beton-brut-Architektur“ im Innenraum des Quaderbaus wird der Raum durch das riesige Gemälde von Georg Meistermann, welches zugleich die Altarwand bildet, dominiert. Es thematisiert das apokalyptische Lamm, das Zentrum steht. Darüber hinaus finden sich kaum naturalistische Motive. Durch verschiedene Farbflächen entsteht ein eindrucksvolles Altarwandbild zwischen Bedrückung und Hoffnung.

Aufgang zur Kirche, Foto: K. Manthey, 2019.

Doch noch einmal zurück zur sichtbaren Architektur. Schalungsbeton ist die sichtbare Fläche aufgebrochen von Holzelementen, beispielsweise in der tiefen gehängten Decke. Nachdem man durch eine geradläufige Treppe von einem hellen Entree zum Kirchensaal hinaufgestiegen ist, trifft der Blick zuerst auf eine goldene Wandfläche. Davor steht der Taufstein, verdeckt durch Vorwände geht es dort auch zur Sakristei.

Blick in die Sakramentskapelle, mit einer Darstellung des Schmerzensmanns und der Grablege des Sel. Bernhard Lichtenberg, Foto: K. Manthey, 2019.


Raumaufteilung

Links vom Aufgang finden wir die heutige Sakramentskapelle. Dorthin wurde der Tabernakel vom Hauptaltar aufgrund der neuen Regelungen durch das Zweite Vatikanische Konzil (1963-65, umgesetzt im Rahmen des 50jährigen Kirchweihjubiläums 2013) versetzt. Ebenso befindet sich nach einer Translation der Gebeine, das Grab des Seligen Bernhard Lichtenberg dort in der Stipes des Altars.

Das Altarbild von Meistermann, Foto: K. Manthey, 2019.

Rechts des Aufgangs findet sich folglich der Hauptraum. Lange Holzbänke bilden dort zwei Blöcke, mit Seiten und Mittelgang. Abgeschlossen wird der Raum im Osten mit dem über die gesamte Breite laufenden Altarraum. Mittig ist der große Steinaltar positioniert, dahinter ein vergoldetes Vortragekreuz. Davor rechts vor der sehr dezent gehaltenen Kommunionschranke steht auf einem Sandsteinsockel, übrigens dasselbe Material wie bei den anderen Hauptstücken, eine Marienfigur. Diese Maria Sedes Sapientiae (Sitz der Weisheit) stammt aus der Zeit um 1320. Diese war eine Zeitlang in schlechtem Zustand.

Übrigens über dem Aufgang befindet sich die Orgelempore. Sie ist ebenfalls aus Stahlbeton konstruiert. 1963 wurde zwar eine stilistisch moderne Kirche eingeweiht, gleichwohl gab es zuvor durchaus „demokratischere“ Raumvorschläge aus dem Büro Schädel. Doch anstatt einer umschließenden Lösung bei der Stellung der Bänke zum Altar umzusetzen, wurde zu guter Letzt eine typische Anordnung realisiert, d.h. klare Ausrichtung zur Altarinsel. Hans Schädel soll dies gegenüber Rudolf Schwarz mit der klaren Ausrichtung und dem Gedenkcharakter begründet haben.

Detail der Treppe zur Empore, Foto: K. Manthey, 2019.

Würdigung

Mit großem Gestaltungswillen entstand eine einmalige Anlage in Berlin für ganz Deutschland. Ein Kirchenbau der ebenfalls fast 60 Jahre nach seiner Weihe nichts an seiner Wirkung verloren hat. Eine Wirkung, die ständig erinnert und involviert und zwar an und in das Leiden unter der NS-Herrschaft. Unweit des Ortes, dem Hinrichtungsschuppen von Plötzensee, gibt es mittlerweile wieder eine rege Gedenkarbeit gemeinsam mit der Kirchengemeinde Charlottenburg Nord, die seit 1968 unweit von Maria Regina Martyrum ein Gemeindezentrum betreibt. Dort wird ebenfalls gedacht, besonders beeindruckend durch den Bilderzyklus von Alfred Hrdlicka. Kurzum: Zwei Gotteshäuser, die es zu besuchen gilt. Eine kunstvolle Kirche, die uns hineinnimmt in die ewige Pflicht die Schrecken zu erinnern.

Links

Seite der Gedenkkirche https://gedenkkirche-berlin.de/

Die evangelische Kirche https://gustav-adolf-kirche.de/gedenkkirche-ploetzensee

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