Lamellendächer im Berliner Kirchenbau

In letzter Zeit beschäftigt mich die Frage nach dem
kostengünstigen Lamellendach (auch: Zollbauddach oder Zollingerdach, aufgrund
zweier Vertriebswege) im Kirchenbau in der Region des Bistums Berlin. Dessen
Erfinder war der Merseburger Stadtbaurat Friedrich Zollinger. Durch die
einfache Montage konnte schnell und günstig ein Dachstuhl mit Rautenstruktur an vielen
Orten, durch ansässige Holzhandwerker ausgeführt werden. Oft findet sich diese
Dachform nach 1930 bei Kirchen in von außen klar erkennbarer, expressiv-spitzbogiger
Bauform. 
Kirchen sind zwar nur der kleinere Teil der Lamallendachbauten doch in den Zeiten der Finanzkrise und Kirchennot, nach dem 1. Weltkrieg, tauchten
vermehrt Zollingerdächer auf. Bekannte Architekten, wie z. B., Hans Herkommer oder Otto Bartning, verwendeten diese Dachform für ihre Entwürfe. Ebenso nutzte der Paderborner Architekt und Gutachter des Bonifatiusvereins Max Sonnen diese Bauform. Mit dieser Bauweise konnte man bis zu 40%  Dachbaukosten einsparen. Das war für die schlechte Finanzlage der Diasporakirchen ein
ausschlaggebendes Argument.
Für den Berliner Bereich formulierte Weihbischof Josef Deitmer bereits 1924 in einem Brief, was später
Maxime wurde: „Der
Gedanke: viele wenn auch kleine Kirchen und nicht etwa wenige grosse Dome, ist
für die Grosstadt der einzig richtige.“

(Brief Deitmers vom
29.9.1924 an den Generalvorstand des Bonifatiusvereins in Paderborn, bezüglich
der Notkirche Carl Kühns in der Hollmannstr., St. Agnes, Kreuzberg, in: Archiv
des Bonifatiuswerks Paderborn, Mappe Bln.-Mitte,
St. Hedwig, Fil. Hollmannstr.) Damit war der Druck für neue Bauvorhaben hoch.
Sonnen: Hl. Kreuz Waren
Q: Die Christl. Kunst, 29. Jg, S. 72

In der Diaspora Mecklenburgs, das zum Bistums Osnabrück zählte (bis
1929 Norddeutsche Missionen, seit 1995 zu Erzbistum Hamburg), wurden Lamellendachkirchen gebaut. In Güstrow
(Mecklenburg), St. Marien, setzten die Architekten Korff und Berger sowie in Waren
(Müritz), Hl. Kreuz, Max Sonnen selbst,
solche Dachformen bei den Kirchenneubauten ein (beide Bauten zwischen 1928-30). 

Hier kommt es nun zur Überschneidung mit dem Schaffen des Delegatur- bzw.
Diözesanbaurats Carl Kühn. Welcher sicherlich bei seinen Reisen nach Vorpommern, dem nördlichen Teil des Berliner Kirchenbereichs, auch in Mecklenburg Halt machte und sich für die dortigen Kirchen
interessierte.
Für Berlin sind es mindestens vier katholische Projekte bei denen
Zollingerdächer zum Einsatz kommen sollten. Bekannt sind bisher: Ein Entwurf von Guido Görres für die Notkirche
in Lichterfelde, der Entwurf Max Sonnens für Lindow (Mark) sowie Pläne
für Gollnow (Pommern) von August Kaufhold und Torgelow (Vorpommern) durch
Hermann Bunning. Zumindest die letzten drei sind in der Kirchenbauszene wohl
bekannt.

Entwurf Görres für Lichterfelde, innen und außen,
Q:  Die Christl. Kunst, 28. Jg, S. 10

Es folgten
jedoch Bauten durch andere Architekten. In der oben genannten. Reihenfolge
bauten Siegfried Lukowski und Kühns Cousin Carl Anton Meckel die St. Annen
Kirche (1936). In Lindow wurde durch Wilhelm Fahlbusch die Josephskirche
errichtet (1931). Wobei für Gollnow ein Baumeister Krüger den Entwurf für die
1930 eingeweihte St.-Georg-Kirche lieferte (Amtlicher Führer 1938, S. 165.). 

In Torgelow hingegen baute Kühn mit der Herz-Jesu-Kirche, 1932, selbst
einen seiner interessantesten Bauten. Grund hierfür war vermutlich der Tod
Bunnings. Hermann Bunning starb am 22.8.1930 und hatte viele (Not-)Kirchen
gebaut oder mitgebaut, sein letztes Werk war das St. Gertraudenkrankenhaus. Er
schuf auch einen Grundsatzplan für die Schaffung neuer Seelsorgestellen und Kirchen
in Berlin. (Vgl. Germania vom 12.9.1930). Inwieweit Kühn in Torgelow vielleicht Bunnings alte
Entwürfe berücksichtigte ist nicht bekannt (Passt doch der Entwurf stilistisch eher
in die Tradition Bunnings).

Herz Jesu Torgelow, Carl Kühn, 1932
Q: Bildarchiv der Kunstbeauftragten, Foto: M. Brühe

Doch am Beispiel Lindow entfaltet sich die komplexe Gemengelage
beim Kirchenbau in Berlin. Es gab viele interessierte Architekten (z.B.: Martin
Weber, Hans Herkommer, Clemens Holzmeister) die ein Projekt in der
Reichshauptstadt realisieren wollten, somit viel Wettbewerb bei knappen
Ressourcen und strenge Leitlinien. Die teilweise durch das Bauamt und somit Kühn, den Staat
oder Bischöfliche Verordnungen verfügt waren.
Aus der Korrespondenz des Gutachters beim Bonifatiusverein Max Sonnen geht hervor, dass er kurz nach dem
Scheitern seiner Lamellendachidee für Lindow, Entwürfe von Josef Bachem, Wilhelm Fahlbusch
und Carl Kühn zu beurteilen hatte. Dabei findet er Fahlbuschs und Kühns Beiträge künstlerisch ebenbürtig. Empfiehlt dann jedoch wegen eines Mittelganges und den,
aufgrund eines auf später verschobenen Turmbaus, günstigeren Entwurf, Carl Kühn. 

Fahlbusch: St. Joseph, Lindow (Mark),
Q: Die Christl. Kunst, 29. Jg, S. 67

Warum es doch Fahlbusch wurde hat vermutlich persönliche Gründe. Immerhin hatte
der Bauherr Erzpriester Röhnelt aus Neuruppin über Jahre mit ganzem Herzen und
viel Kraft für einen Kirchenbau in Lindow und später den Entwurf von Sonnen mit
dem Lamellendach geworben. Dieser wurde jedoch durch ein mehrfach erwähntes, jedoch
dem Verfasser nicht vorliegendes Gutachten Kühns verhindert. Selbst ein beherztes
Schreiben des Generalvorstandes an den designierten Bischof von Berlin,
Christian Schreiber (in Meißen) schien seine Wirkung verfehlt zu haben.
Die richtigen Argumente, es sei sehr günstig, man wolle sicher kein Monopol der
Lamellendachbauten in der Diaspora, jedoch auch in Köln und Paderborn greife
man auf diese Dachform zurück, konnten sich nicht durchsetzen. Carl Kühn muss gute Argumente
vorgebracht haben, die das junge Bistum Berlin zum weißen Fleck auf der
Zollingerdächer-Kirchenlandkarte werden ließ. Ein Indiz für die hohe fachliche
Akzeptanz, die Kühn in Kollegenkreisen genoss.
Andererseits brachte der Fall Lindow die Diskussion mit sich, dass Carl Kühn als
angestellter Baurat eigentlich keinerlei Entwürfe ohne ausdrückliche,
bischöfliche Anweisung hätte liefern dürfen (vgl. Äußerung Sonnens zum Kirchbau in Lindow, vom 27.1.1931, in Archiv
des Bonifatiuswerkes, Mappe Bln-Neuruppin Herz Jesu, Fil. Lindow und Bischöfliches
Ordinariat Berlin: Amtsblatt Berlin, 1930, Stück 5, S. 119, Nr. 68, Ernennung
Kühns zum Diözesanbaurat). Hier nimmt Sonnen Kühn in Schutz. Er verweist darauf,
dass auch der Baubeamte Wilhelm Fahlbusch ein Doppeleinkommen gehabt hätte.

In Berlin wurden nach 1930 viele preiswerte katholische Kirchen
gebaut, oft durch Kühn, die vom Bonifatiusverein mit bezahlt wurden.
Inwieweit die oben aufgezeigte Diskussion Aussagen über Carl Kühns
Einstellung zu modernen Bauformen im Kirchenbau zulässt, muss weiter untersucht werden. Sicher steht er nicht auf
der Seite der als modern und avantgardistisch betrachteten Kirchenbauer. Doch
ihn deshalb als Historist abzutun, der den Schatten seines Lehrers
Christoph Hehl nicht verlässt, halte ich für falsch.
Der Pragmatiker Kühn
scheint in seiner kurzen Hochzeit zwischen 1928 und 1932 zu einer „traditionellen Moderne“ (Gespräch mit Heinrich Otten, November
2011) gefunden zu haben. Die sich an
den Bedürfnissen und Möglichkeiten in der Berliner Gegend zu orientieren hatte.

Warum er jedoch Zollingerdächer ablehnte lässt sich am ehesten mit
einer althergebrachten Auffassung von Wertigkeit erklären, die er bereits 1918
postuliert (Karl Kühn, Die neuen katholischen Kirchen in Friedenau und Schöneberg, in: Zentralblatt der Bauverwaltung 1918, Hefte 71/ 72, s. Link unten).
Vielen Dank an Prof. Dr. Florian Zimmerman, München für die freundlichen Hinweise hinsichtlich der Lamellendächer.
Externe Links:
zu den Kirchen in Güstrow und Waren:
http://www.katholische-kirche-guestrow.de/b.htm und
http://hl-kreuz-waren.de/index.php/m-kirchen/16-waren
zu dem Artikel Kühns von 1918:
zum Zollingerdach:
Literatur zum Zollingerdach:
Florian Zimmermann (Hg.): Das Dach der Zukunft. Zollinger Lamellendächer der 20er Jahre, Ausstellungskatalog, München 2003

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