St. Sebastian am Gartenplatz, Berlin-Gesundbrunnen

St. Sebastian sollte bereits am Ostertag vorgestellt werden. Denn ein wichtiger Tag verdient eine besondere Berliner Kirche. Allerdings braucht ein Eintrag auch Zeit. Daher kommt die 1893 eingeweihte St.-Sebastian-Kirche heute – immerhin am weißen Sonntag. Sie ist die dritte katholische Pfarrkirche auf dem Berliner Stadtgebiet. Rasant wuchs die Stadt Berlin und ebenfalls die Zahl der Katholiken im Norden der St.-Hedwig-Gemeinde. Schließlich konnte eine repräsentative Kirche mit Sandsteinfassade an der Nordbahn, unweit des einstigen Stettiner Bahnhofs, errichtet werden.

Johann Hubert Anton Forst, Invalidenhaus Berlin, um 1820
Public domain, via Wikimedia Commons
Q: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Das_Invalidenhaus_Berlin.jpg

Geschichte der Gemeinde

Mit der Einrichtung des Invalidenhauses in der Oranienburger Vorstadt durch Friedrich II 1747 wurde dort neben einer lutherischen ebenso eine katholische Kapelle erbaut. Anfangs waren hier Dominikanerpatres aus dem Kloster in Halberstadt zuständig. Sie pastorierten darüber hinaus ebenfalls die anderen Armeeangehörigen in der Umgebung. Später gab es dann einen katholischen Invalidenhauspfarrer. Im frühen 19. Jahrhundert kam es auch zur Entstehung einer Zivilgemeinde. Die Gegend vor dem Neuen Tor und Oranienburger Tor entwickelte sich, wie der Rest der Stadt zügig. Anfang des 19. Jahrhunderts waren es erst wenige hundert zivile Gemeindeglieder wohingegen es um 1900 mehr als 30000, manche Quellen sprechen von 50000 Katholiken.

Carl Neuber als Propst und Delegat
via Wikimedia Commons

Als Bauherr machte sich der junge Pfarrer der Gemeinde Karl Neuber (1841-1905) besonders verdient. Nach gut 11 Jahren an St. Sebastian wurde er überdies zum Fürstbischöflichen Delegaten und Propst an St. Hedwig berufen.

Baugeschichte

Da der Bauplatz, der ehemalige Galgenplatz, vom Staat überlassen wurde, hatte dieser ein gewisses Mitspracherecht. Daher wurde ein erster Entwurf nicht bewilligt. Dazu ist jedoch bisher nichts weiter bekannt. Schließlich stammte der realisierte Entwurf von Max Hasak (1856-1934). Der gebürtige Schlesier war neben seiner Tätigkeit für die Reichsbank auch im Kirchenbau aktiv. Vor dem Bau von St. Sebastian ab 1890 hatte er bereits die St.-Hedwig-Kirche umfänglich saniert und ergänzt. Am 3. Dezember 1890 konnte auf dem Gartenplatz der Grundsteingelegt werden. Neben kirchlichen Würdenträgern waren Vertreter des Kaiserhauses, der Generalität und auch der Vorsitzende des evangelischen Kirchbauvereins Ernst von Mirbach vertreten. Über ihn dürften auch die Finanzierungshilfen des Herrscherhauses als „Allerhöchstes Gnadengeschenk“ gelaufen sein.

Ansicht der Vorderseite, Q: ZdB 1892

Außen

St. Sebastian wurde übrigens gewestet. Dies sollte sicherlich die Wirklung des Baus erhöhen. Darüber hinaus wurde für die Fassade Herrnleithner-Sandstand verwand. Dieser wurde jedoch mit Metallelementen an dem eigentlichen Mauerwerk, einem tragenden Backsteinkern, befestigt. Somit kam es in Folge zu verschiedenen Schäden an der Kirche. In historistisch-neugotischen Formen und mit veringerter Bauzier entstand ein mächtiges Gotteshaus. Hasak nahm wohl Anleihen an der Marbuger St.-Elisabeth-Kirche, dem Meisterwerk der Frühgotik in Deutschland. Der Dachfirst von St. Sebastian liegt in 30 Metern Höhe der Turm war ferner mit seinen 85 Metern bis zur Spitze damals der höchste Kirchturm der Stadt.

Grundriss, Q: ZdB 1892

Dem Grundriss liegt eine Kreuzform zugrunde anstatt langer Seitenschiffe, befinden sich dort vom Hauptschiff sechs zugängige Kapellen. Das gesamte Projekt hatte zwar 525.000 Mark gekostet. Jedoch war, wie nahezu immer bei katholischen Kirchen in der Diaspora, die Ausstattung nicht dabei.

Querschnitt, Q: ZdB 1892

Innen

Drinnen waren Bankreihen mit Platz für 1100 Personen angeordnet. Ebenso bot die Kirche Stehplätze für weitere 1800-1900 Menschen. Der eingezogene Apsischor hat eine Fünf-Zehntel-Abschluss. Die Gewölbe im Innenraum überspannen zudem bis zu 16,5 Meter. Dort ist auch der Backsteinkern eindeutig zu erkennbar, so z.B. auf den Stützen.

Blick in die Kirche um 1895, Q: Blätter für Architektur und Kunsthandwerk, 8.1895, Tf. 105

Sie tragen Kapitelle mit Fabelwesen sowie einheimischen Pflanzen. Somit schuf der Bildhauer Muth einen direkten Bezug zur Region. Sonst kopierte man in der Neugotik häufig die historischen, teils mythologischen, Pflanzen. Dafür wurden dort in St. Sebastian, beispielsweise Anemone, Ranunkel, Kastanie und andere heimische Flora zum Vorbild genommen. Die hauptsächlich ornamentale Erstausmalung ist nicht mehr vorhanden. Neben den großen Rosettenfenstern waren auch die weiteren 13 Fenster in Glasmalerei gestaltet. Das Scheitelfenster im Chor zeigte Jesu mit Johannes sowie den Kirchenpatron mit der Hl. Irene. Weitere Themen dort waren die Apostelväter Petrus und Paulus u.a. Heilige.

Altarraum

Erst unter der Einbeziehung der Chorwände gewinnt die Altarwand im Westen die richtige Breite für diese große Kirche. Seit der Erbauung hat es mindestens sechs Innenraumfassungen gegeben. Dabei war von Anfang an sicherlich ein Hochaltar in der Kirche.

vermtl. Ferdinand Schuto, Projekt für eine Hochaltaranlage, um 1927, Q: PfAr St. Sebastian

Ein Projekt aus dem Bildhaueratelier von Ferdinand Schuto aus Bingen aus den 1920er Jahren, beispielsweise, zeigt eine umfassende Lösung. Der Altaraufbau wurde hier über die gesamte Breite gedacht, inklusive Chorgestühl in gotischer Art und Weise. Daraufhin realisierte jedoch vermutlich der Architekt Wilhelm Frydag für ca. 27000 Goldmark, eine wesentlich einfacherer Ausführung. Sicherlich waren Schutos veranschlagte rund 43000 Goldmark zu teuer.

St. Sebastian, Innenraum vor der Umgestaltung 1929, Q: PfAr St. Sebastian

Bei der erneuten Umgestaltung der Kirche und damit verbundenen Neuaufstellung eines Hochaltars wählte 1938/39 man einen deutlich zeitgenössischeren Stil unter Verwendung vorhandener Ausstattung. Dabei kam es ebenso zur neuen Ausmalung. Übrigens waren dort Felix H. Hinssen (der 2. Diözesanbaurat) und der Künstler Heinrich Schellhase (oder: Schelhasse) tätig gewesen.

St. Sebastian, Innenraum um 1939, von Hinssen und Schellhase, Q: PfAr St. Sebastian

Sanierungen

Schon 1914 erstellte der Hehlschüler und Kirchenbauarchitekt Carl Kühn ein erstes umfangreiches Gutachten über Schäden der 20 Jahre alten Kirche. Das Hauptproblem war die das Eindringen von Wasser aufgrund der Konstruktion der vorgeblendeten Sandsteinfassade. Max Hasak, der für seinen Bau viel Lob erhielt war sicherlich nicht sonderlich erfreut. Dennoch wirkliche Abhilfe konnte auch der Erbauer nicht liefern. So sanierte man die Kirche unter der Leitung Kühns in den frühen 1920er Jahren bereits.

Eingerüstete St.-Sebastian-Kirche um 1920, Sanierung unter Leitung von Carl Kühn, Q: PfAr St. Sebastian

Durch Brand wurde St. Sebastian im Krieg teilzerstört und 1948-50 Instand gesetzt. Eine umfangreiche Renovierung mit neuer Gestaltung der Hauptzonen der Kirche erfolgte zwischen 1963-65 unter der Leitung des Architekten Johannes Jackel.

Innenraum Ende der 1960er nach Jackel, Q: PfAr St. Sebastian

In Folge der liturgischen Änderungen nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil wurde 1973-75 die Kirche erneut durch den Diözesanbaurat Vogt umgebaut. Somit kam in dieser Phase die in die Vierung gezogene große Altarinsel in die Kirche. Übrigens wurde die Kirche nahezu im Zehn-Jahres-Takt umgestaltet.

Innenraum in Folge der Umgestaltung von H. Vogt nach 1995, Q: Slg. Manthey

Die Fassung von 1975 ist bis heute weitestgehend sichtbar. Dabei sind viele Schichten früherer Veränderungen erhalten. Obwohl seit den 1990er wieder weiter gewerkelt wird. St. Sebastian ist in seiner großen Bedeutung auch stets eine große Bauaufgabe geblieben.

Würdigung

Bis heute ist die Wirkung des neugotischen Sandsteinbaus einzigartig. Sie ist ebenso ein Zeichen dafür, dass die Kirche generell stets zu renovieren ist. Seit 128 Jahren steht unweit vieler wichtiger Orte der Berliner Geschichte selbst ein Bauwerk, dessen Geschichte uns viel von Leben im Glauben und in der Stadt erzählen kann. Heute ist der Turm zwar von weitem wieder sichtbar trotzdem ist diese Kirche noch etwas außerhalb des pulsierenden Lebens von Berlin-Mitte. Bis dahin lohnt sich ein Besuch auf dem Gartenplatz. Wer weiß was noch so kommen wird in St. Sebastian.

Verwendete Quellen

Chronik der Pfarrgemeinde St. Sebastian; Akten im Pfarrarchiv; Zentralblatt der Bauverwaltung, 10.1890, Nr. 37, 12.1892, Nr. 34 sowie 13.1893 Nr. 26; Deutsche Bauzeitung, Jg. 27,1893, Nr. 54; Blätter für Architektur und Kunsthandwerk, 8.1895 Tafeln 85–86, 105–106, 117–118; Christine Goetz: Kunstinventar St. Sebastian- Anita Wursthorn, Festschrift 125 Jahre Kirchweihjübiläum St. Sebastian Berlin-Wedding 1860-1985.

Blick von Westen, gut erkennbar die Choranbauten mit Sakristei und Gemeinderäumen,
Q: Blätter für Architektur und Kunsthandwerk, 8.1895 Tf. 86

Weiterführendes

Seite der Gemeinde: https://www.sankt-elisabeth-berlin.de/kirchen/st-sebastian/

Interner Link zu einem Beitrag über den ersten Kirchenentwurf für eine Kirche in Berlins Mitte
Die letzte Video-Kirchenführung vom April 2021 in St. Michael (der Zweitältesten katholischen Kirche)

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