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- Author: Konstantin Manthey
- Posted: 1 März, 2026
- Category: Kirchenporträts
Überraschung im Hinterhof: Ehem. Mater Dolorosa im Katharinenstift
Mater Dolorosa war bis vor kurzem eine Kirche mit viel Geschichte. So wie bei etlichen Sakralbauten kamen sehr unterschiedliche Nutzer über diese Kirche, die Christine Goetz einst: „Überraschung im Hinterhof“ nannte. Denn genau das war und ist dieser Bau im Osten Berlins. Hinter einer Reihe von spätklassizistischer Wohnbauten aus den früher Jahren der Berliner Stadterweiterung um 1860 verbirgt sich im 1. Hof ein Komplex aus Sozialbauten und Kapelle. D.h. für Berliner Verhältnisse in der Größe einer ordentlichen städtischen Pfarrkirche.
Soziale Ordensbauten – das Katharinenstift
Dieses Ensemble in zweiter Reihe ist das ehemalige Katharinenstift der Dominikanerinnen aus Arenberg. Dort betrieben die Schwestern seit 1889 ein Waisenhaus und andere (Kinder-)Pflegeeinrichtungen. Dies geschah zunächst ziemlich provisorisch. Das Grundtsück wurde von einem der Grafen Savigny den Schwestern überlassen. 1893 erfolgten wohl die ersten Neubauten. Somit boten die Nonnen eine Einrichtung zum Schutz der einfachen Leute und ihrer Kinder. Zwar platze Berlin in dieser Gründerzeit aus allen Nähten doch damit wuchsen die sozialen Probleme ins unermessliche. Also sahen viele Frauenorden darin eine wesentliche Aufgabe.

Ein anderes bekanntes Beispiel waren die Karmelitinnen vom Göttlichen Herzen Jesu (DCJ) im Prenzlauer Berg. Dort gründete Anna Maria Tauscher, ihr „Heim für Heimatlose“, 1891, für hilfsbedürftige und arme Kinder in der Pappelallee 61. Später gründete sie mit ihren Mitstreiterinnen einen Orden. Darüber hinaus war die Notkirche der erste Ort der Gemeinde Heilige Familie. Bis 2024 waren übrigens noch Schwester vor Ort. Nun ist das lukrative Objekt verkauft, an einen mir unbekannten Investor, für kirchliche Akteure kam das zentral gelegene Ensemble mit Ausbaureserven nicht in Frage. Die Arenberger Dominikanerinnen der Hl. Katharina von Siena betrieben übrigens in Berlin 1938, acht Einrichtungen. Darunter ein weiteres großes Haus an St. Elisabeth in Berlin-Schöneberg mit Heimbetrieb oder das große Krankenhaus in Berlin Mitte, mit der Kirche Maria-Viktoria, die bereits 1938 geschlossen werden musste. Somit gehörten die Nonnen zu einem der großen Anbieter auf katholischen Gebiet, hinter den Grauen Schwestern der hl. Elisabeth (22 Einrichtungen) und den Marienschwester (20 Einrichtungen, 1938).

Der Architekt – August Menken
Zurück zur Greifswalder Straße dort wuchs der Bedarf und die Anlage 1896 konnte die Backsteinkirche in neugotischen Formen nach Plänen des Berliner Kirchenarchitekten August Menken (1858-1903) errichtet werden. In seinen 45 Lebensjahren hatte sein Büro bereits sehr viele Sakralbauprojekte realisiert. Auffällig ist, dass Menken für beide großen christlichen Kirchen arbeitete, keine Selbstverständlichkeit in den Nachwehen des Kulturkampfes, wo konfessionelle Streitigkeiten an der Tagesordnung waren. Als Berliner Beispiele seien hier die evangelische Erlöserkirche am Nöldnerplatz oder auch die Mitarbeit an der evangelischen Auferstehungskirche an der Friedenstraße genannt. Hinzu kommen etliche katholische Projekte, wie St. Johannes in der Hasenheide, St. Clara Neukölln oder die Kirche im Katharinenstift, Mater dolorosa.

Die Klosterkirche Mater Dolorosa
Baugestalt und erhaltene Ausstattung
Mater Dolorosa, seit 1931 Kirche der neu gegründeten Gemeinde St. Gertrud (erst Kuratie und ab 1958 Pfarrei) ist in den Gesamtkomplex des Katharinenstifts integrierter. Zunächst war es die Hauskapelle, doch wie sooft im boomenden Berlin wurde es zur Heimstadt einer katholischen Ortsgemeinde. Baulich bliebt der Sakralraum schlicht. So wurde beispielsweise ein Turmbau von den Behörden untersagt.

Somit kam es zu einer einschiffigen Halle mit einem hohem eingezogenem Chor und einer holzverschalter Tonnendecke. Umlaufende Holzemporen mit neugotischer Maßwerkbrüstung erhöhten die Kapazität der Kirche. Zwar ist von der Ausstattung der Erbauungszeit mit Ausnahme der meisten Fenster nichts weiter erhalten. Die hingegen sind diese sehr qualitätsvoll. Sie stammen von der Mayer’schen königlichen Hofkunstanstalt in München, einem großen Manufakturbetrieb. Die Themen der drei großen Fensterwerke im Nordosten (linke Wand) sind: Jesus beim Gastmahl in Bethanien, Christus als Kinderfreund und das letzte Abendmahl.




Es handelt sich als durchaus um programmatische Fenster für eine Kinderheimkapelle. Außerdem ist die Orgel der Firma Furtwängler-Hammer aus Münster von 1930 erhalten. Die Fenster im Südwesten waren übrigens mit ornamentalen Motiven ausgestaltet und wurden 1979 modern erneuert.


Bis auf einen Beichtstuhl ist im Kirchenraum nichts mehr von der historischen Ausstattung erhalten. Da es wohl kaum Kriegsschäden gab, wurde anscheinend im Rahmen der Umgestaltung weggegeben oder weggeworfen.
Veränderungen und Umgestaltungen im Inneren
Zwar war am Ende des Zweiten Weltkrieges auch die Greifswalder Straße stark unter Beschuß, doch die Schäden an der Kirche blieben gering, wie die erhaltenen Fenster beweisen. Doch die veränderte Liturgie und die neuen Nutzungsbedürfnisse veränderten den Raum. Zum einen wurde die neugotische Altaranlage bis 1972 durch eine moderne Fassung mit Altartisch zum Kirchsaal hin umgestaltet außerdem kam in den ehemaligen Schwesternchor, der südlich an den Altarraum anschloss, die Werktagskapelle.

Q: Bildarchiv EBO, Foto: Frank Vetter
Seit 1995 nutzte das Erzbistum Berlin die Liegenschaft als Sozialpädagogisches Schulzentrum Edith Stein, das 2025 nach Karlshorst auf das Gelände der Katholischen Hochschule für Sozialwesen gezogen ist. Somit spielte die Kapelle nun auch eine Rolle im Schulleben. Zudem wurde die Gemeinde 2003 mit der Corpus-Christi-Gemeinde fusioniert, deren Kirche nahe dem S-Bahnhof Landsberger Allee hinter dem Europasportpark liegt. 2005 verließen auch die letzten Dominikanerinnen das Gelände. Kurz darauf siedelte ein Konvent der Herz-Jesu-Priester dort an. Die Dehonianer waren in der Pfarrseelsorge, der Kategorialseelsorge in der portugiesischen Gemeinde, vor Ort seit 2004, und im Krankenhaus eingesetzt. Die Gemeinschaft zog rund um den Jahreswechsel 2025/26 nach St. Martin, Märkisches Viertel in Wittenau.

2016 entschied sich das Erzbischöfliche Ordinariat im Rahmen der Sanierung der Kirche eine beschränkte Konkurrenz zur Neugestaltung des Kirchenraums, vor allem des Altarbereichs, auszuschreiben. Schließlich konnte der Münchener Künstler Robert M. Weber (geb. 1958) seinen Vorschlag umsetzten. Weber hatte zuvor bereits den ebenfalls sehr hohen Chorraum der St.-Georgs-Kirche im havelländischen Rathenow neu gefasst.
Der neugestaltete Altarraum von Robert M. Weber aus dem Jahr 2016
Als Haupwerk an der Chorwand entstanden sieben Farbfelder. Sie orientieren sich entlang dem vertikalen Mittelfeld und können als Kreuz gelesen werden um das sich die sieben Schmerzen Mariens reihen. Diese sind nicht gegenständlich, sondern als abstrakte Visionen dargestellt. Christine Goetz beschrieb sie als „Meditationsfelder aus Farbe, Licht und gewischten Strukturen. Die seelische oder emotionale Identifikation des Betrachters mit dem was er mit seinen Augen sieht, ist gebunden an Stimmung, Gefühl und Person an einem bestimmten Augenblick. Diese geben den schimmernden Farbfeldern Bedeutung, die subjektiv ist und nicht objektiv festgelegt – ein Dialog zwischen Bild und Betrachter entsteht, das Ergebnis ist offen und verlangt den individuellen Beitrag eines Jeden. Die Tafeln scheinen zu schweben, die Farben rot, rosa und violett sind gewischt auf Alu-Schlagmetall.“ (Chr. Goetz, Faltblatt zur Kirche, 2019)

Weber kombinierte bei seiner Arbeit in Mater Dolorosa Material und Maltechnik so, dass laut Goetz (s. oben) ein „durchlichteter Schwebezustand, eine Entmaterialsierung“ ensteht. Dabei so die einstige Kunsthistorikerin des Erzbistums Berlin, verwiesen die schwarzen Farbspuren auf den Schmerz sowie die Passion Christi, ohne diese figürlich zu zeigen.
Damit entstand vor gut zehn Jahren ein modernes Andachtsbild in einem über 115 Jahre alten Sakralraum. Eine Art Neuaufladung mit einer Spannung zwischen Raum und Bild. „Der Betrachter muss sich auf die Schmerzen Mariens als Gefühlsraum einlassen, der den realen Kirchenraum entgrenzen scheint.“ Schreibt Frau Dr. Goetz (s. oben). Beeindruckend war für uns an der Auswahl und Entstehung Beteiligte, wie das Werk von Robert M. Weber den Raum füllte. Dies war aufgrund der baulichen Höhe keine leichte Aufgabe. Die Stimmen aus der portugiesischen und deutschsprachigen Gemeinde und aus der Schule waren positiv. Für deren Nutzung wurde der Raum neu angepasst. Nun ist die Kirche mit dem gesamten Areal verkauft.
Das Ende der kirchlichen Nutzung nach mehr als 135 Jahren
Wohl rund um das Jahr 2024 wurde klar, dass der Standort nicht behalten wird. Zu teuer seien die Sanierungsarbeiten im Bestand. Schließlich suchte man Ausweiche für die verbliebenen Institutionen, der Schule und dem Kloster, d.h. Konvent der Herz-Jesu-Priester. Schließlich ging ein innerstädtischer katholischer Ort vom Netz. Zwar gab es immer wieder Gerüchte über Verkäufe, letztendlich ging es alles sehr schnell. Dabei wurde die Gemeinde von der Geschwindigkeit überrollt. Sodass andere Nutzungsideen und Diskussionen nicht rechtzeitig zu Stande kamen. Fast könnte man hier Kalkül unterstellen. Am 23.11.2025 gab es dann einen Abschied vor Ort. Bereits am 13.2.2026 wurde Mater Dolorosa in einer kleinen Feier profanisiert.



Neue Überraschung im Hinterhof – Designcampus oder so
Die neuen Eigentümer schreibt über seine Vorhaben: „Am Prenzlauer Berg entsteht mit kloster.berlinein zukunftsweisender Ort für Bildung, Kultur, Kreativität und Entrepreneurship. […] Das Herz der Liegenschaft bildet die profanierte Klosterkirche von 1896. Hier entsteht ein Ort der Begegnung und der Kommunikation, eine Bühne für verschiedenste Events – offen, wandelbar und inspirierend.“ (Q: kloster.berlin, 1.3.26)
So etwas hätten wir als Kirche doch auch hinbekommen. Viel mehr erfahren wir über die Pläne noch nicht. Auch das erscheint mir symptomatisch. Was nach dem Verkauf geschieht hat uns als Kirche nicht zu interessieren. Offensichtlich schreckt die neuen Eigentümer der Aufwand von Sanierung nach denkmalrechtlichen und aktuellen Bauvorgaben nicht ab. Es scheint eine lohnende Investition zu sein, die mitten in der Innenstadt unweit vom Alexanderplatz auch der katholischen Kirche gut gestanden hätte. Nun ist es so, wieder ist ein christlicher Ort verschwunden. Ich persönlich wünsche mir endlich transparente, klare Prozesse. Diese müssen nicht lange dauern, doch durchgeführt werden müssen sie dennoch. Das sind wir als Kirche den Menschen und Orten schuldig. Zumal wir als Berliner Kirche nicht kurz vor der Pleite stehen, wie unlängst der rbb berichtete (extern, 1.3.26). Möge bei kommenden Fällen eine bessere Mischung zwischen Geld verdienen, Bedarfen der Menschen und theologischem Profil bestimmend sein!

Weiterführendes
Kurzes Video der Gemeinde zur Kirche:
Seite des Künstlers Robert M. Weber mit älteren Projekten
https://www.atelierweber.de
Wikipedia-Artikel zum Architekten August Menken:
https://de.wikipedia.org/wiki/August_Menken
Pressemeldungen des Erzbistums Berlin zum Verkauf:
https://www.erzbistumberlin.de/medien/pressestelle/aktuelle-pressemeldungen/pressemeldung/news-title/katharinenstift-in-der-greifswalder-strasse-wird-verkauft





