St. Adalbert – Berlin-Mitte

Heute kaum noch vorstellbar… 
…damals lebten in Berlin Mitte viele einfache Leute. Auch unweit der Linienstraße und Elsässer Straße (heute Torstraße) war dies so. Die Katholische Gemeinde, die Kuratus Velten versammelte, bestand großteils aus Arbeitern und einfachen Angestellten. Pastoraler Bedarf war groß, Eigenmittel eher nicht. 
Hier trat der Gesamtverband der Katholischen Kirchengemeinden Groß-Berlins ein, dieser Zusammenschluss der Berliner Stadtpfarreien, gegründet um die Kirchensteuern zu organisieren und zu verteilen, war um 1930 einer der Motoren bei der Neubildung von Seelsorgebezirken und der damit verbundenen Entlastung der Großgemeinden, wie St. Hedwig oder Herz Jesu in der Fehrbelliner Straße, der Muttergemeinde, aus der eine neue Kuratie mit Kirche entstand.
Q: Pfarrarchiv St. Adalbert

Der Architekt der neuen Kirche, Clemens Holzmeister, ist eine der großen Gestalten im
katholischen Kirchenbau des deutschsprachigen Raumes. Dank seiner Tätigkeit als
Professor an der Kunstakademie in Düsseldorf zwischen 1928 und 33 hat er auch
Spuren in Deutschland hinterlassen. In Berlin u.a. die 1943 zerstörte Neugestaltung der St. Hedwigskirche im Rahmen der Nutzung als Kathedrale.

Grundriss
Q: Pfarrarchiv St. Adalbert, Detail aus Sonderdruck der DBZ 1934

Vor 1939 hatte Holzmeister 12 Kirchen in Deutschland gebaut oder
erneuert. Viele von Ihnen wurden durch den Krieg zerstört und sind vereinfacht wieder
aufgebaut worden. Lediglich die Kirche St. Marien in Hamburg Blankenese und die
St.-Adalbert-Kirche in Berlin haben im Wesentlichen den Krieg überdauert. Dabei
ist St. Adalbert der einzige Holzmeisterbau dessen Innenraum einen
authentischen Eindruck der 1930er Jahre und damit dem Ringen um liturgische
Erneuerung bietet. Selbst der in den 1990er Jahren hinzugefügte Volksaltar geht
auf einen Entwurf  Clemens Holzmeisters zurück.
Die einzige Außenansicht, die man auf die Kirche bekommen
kann, ist ein Blick auf die in die Straßenflucht eingebaute Chorseite in der
heutigen Linienstraße. Hier gelingt Holzmeister mit dem lokalen Baustoff, dem
Backstein, eine markante Fassade. 

Blick aus der Linienstraße zur Chorwand hin, rechts (Schriftzug) Mietshaus der Gemeinde mit Sakristei und Nebeneingang
Foto: K. Manthey, 2014

Betritt man diese Berliner Hinterhofkirche durch das
Hauptportal kommt man auf den, unter der Empore befindlichen Vorraum (ein Bauteil der zuvor auf dem Grundstück befindlichen Fabrik). 

Links im Eingangsbereich befindet sich eine Marienkapelle deren erhaltene Gestaltung ein
geschlossene Ensemble der Erbaungszeit ist (bis auf den Taufstein). Begeht man nun den Hauptkirchenraum befindet man sich in einer Saalkirche,
deren Gliederung aufgrund der Struktur des Chorraumes, der Emporengliederung
und der drei Türen unterm Nartex eine Dreiteiligkeit erfährt. Dabei ist auffallend,
dass die Choranlage nicht mittig axial angelegt ist. Wohl wegen des Aufgangs
zum Glockenträger.
Blick in den Innenraum
Foto: K. Manthey, 2014
Der Hochaltar und damit der Kernbereich ist erhalten
geblieben. Auch wenn einige Zutaten weggenommen wurden. Die vier Heiligen: Sebastian, Adalbert, Petrus und Hedwig, welche zu je zweien
das Mittelsegment des Chorabschlusses flankieren und die sechs Kreuzförmigen
Bilder der Sakramente (das 7. findet sich im Tabernakelschrein) stammen von
Egbert Lammers.

Eine
Kuriosität des Altarraumes ist das Kreuz welches der Schauspieler Luis Trenker,
ein Freund Clemens Holzmeisters, der Kirche vermachte, nachdem es als Requisit
in einem seiner Filme gedient hatte. Dieses hängt nun links beim
Sakristeieingang.

Altarraum zur Einweihung
Q: Pfarrarchiv St. Adalbert, Detail aus Sonderdruck der DBZ 1934

Die Kirche wurde am 22.4.1934 geweiht. Clemens Holzmeister arbeitete in diesen Jahren (1930-1934) anscheinend eng mit Carl Kühn zusammen. Derzeit versuche ich mehr über das Verhältnis beider Architekten herauszufinden.

Unscheinbar in der boomenden Touristenmeile am Rosenthaler Platz in der Mitte Berlins, findet sich auf einem Hinterhof – bis heute – ein Kleinod der Kirchenbaukunst.

Weiteres:
Link zu Fenstern von Egbert Lammers (intern)
Weiterleitung zur Seite des Projektes St. Adalbert (extern)

Kommentar (1)

  1. Pinkback: Geburtstagskind: 87 Jahre Bistum Berlin - Kirchenbauforschung

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