Tägliche Kirche, Nr. 52 St. Adalbert, Berlin-Mitte

St. Adalbert von Clemens Holzmeister ist eine Perle in der Großstadt. Es wird Zeit, dass auch dieser Sakralraum als #täglicheKirche vorgestellt wird. Heute kaum noch vorstellbar, damals lebten in Berlin-Mitte viele einfache Leute. Auch unweit der Linienstraße und Elsässer Straße (heute Torstraße) war dies so.

Der Innenhof vor dem Kircheneingang, Foto: K. Manthey, 2017

Die Katholische Gemeinde, die Kuratus Velten versammelte, bestand großteils aus Arbeitern und einfachen Angestellten. Pastoraler Bedarf war groß, Eigenmittel eher klein.  Deswegen trat der Gesamtverband der Katholischen Kirchengemeinden Groß-Berlins ein, dieser Zusammenschluss der Berliner Stadtpfarreien, gegründet um die Kirchensteuern zu organisieren und zu verteilen, war um 1930 einer der Motoren bei der Neubildung von Seelsorgebezirken und der damit verbundenen Entlastung der Großgemeinden, wie St. Hedwig oder Herz Jesu in der Fehrbelliner Straße, der Muttergemeinde, aus der eine neue Kuratie mit Kirche entstand.

Baustelle St. Adalbert, 1933, Q: PfAR St. Adalbert

Clemens Holzmeister – Der Architekt

Der Architekt der neuen Kirche, Clemens Holzmeister, ist eine der großen Gestalten im katholischen Kirchenbau des deutschsprachigen Raumes. Dank seiner Tätigkeit als Professor an der Kunstakademie in Düsseldorf zwischen 1928 und 33 hat er auch Spuren in Deutschland hinterlassen. In Berlin u.a. die 1943 zerstörte Neugestaltung der St. Hedwigskirche im Rahmen der Nutzung als Kathedrale. Vor 1939 hatte Holzmeister 12 Kirchen in Deutschland gebaut oder erneuert. Viele von Ihnen wurden durch den Krieg zerstört und sind vereinfacht wieder aufgebaut worden. Lediglich die Kirche St. Marien in Hamburg Blankenese und die St.-Adalbert-Kirche in Berlin haben im Wesentlichen den Krieg überdauert.

Clemens Holzmeister, Entwurfsskizze, 1931
Q: Albertina, https://sammlungenonline.albertina.at/cc/imageproxy.ashx?server=localhost&port=16001&filename=images/CLHA2_8_1.jpg&width=450&borderwidth=0&borderheight=0&bordercolor=e4e6e3&bg=e4e6e3&passepartoutwidth=0&passepartoutheight=0&passepartoutcolor=e4e6e3&cache=yes (Zugriff: 11.5.2020)

Der Kirchenbau

Dabei ist St. Adalbert der einzige Holzmeisterbau, dessen Innenraum einen authentischen Eindruck der 1930er Jahre und somit dem Ringen um liturgische Erneuerung bietet. Sogar der in den 1990er Jahren hinzugefügte Volksaltar geht auf einen Entwurf  Clemens Holzmeisters zurück.

Clemens Holzmeister, Entwurf für einen Volksaltar, um 1983, Q: PfAR St. Adalbert

Die einzige Außenansicht, die man auf die Kirche selbst bekommen kann, jedoch ist ein Blick auf die in die Straßenflucht eingebaute Chorseite in der heutigen Linienstraße. Dennoch, hier gelingt Holzmeister mit dem lokalen Baustoff, dem Backstein, eine markante Fassade. 

Der Blick in die Linienstraße, deutlich erkennbar der markante Chorturm, Foto: K. Manthey, 2014

Holzmeister und Kühn

Carl Kühn, Entwurf für eine Kirche in der Elsässer Str. (heute Torstr.), Ansicht Rückseite, um 1931, Q: PfAR St. Adalbert

Clemens Holzmeister arbeitete in diesen Jahren (1930-1934) anscheinend mit dem Diözesanbaurat Carl Kühn zusammen. Ebenso war Kühn der Bauleiter beim Umbau von St. Hedwig zur Kathedrale des neuen Bistums Berlin 1930-32. Auch Carl Kühn hatte ebenfalls einen Entwurf für Adalbert geliefert. Dort war auch die Schauseite zur Linienstraße hin. Daher spricht viel dafür, dass die beiden Architekten sich hier besprochen haben. Doch Holzmeisters Umsetzung geht weit über die relativ konventionelle Lösungsidee Kühns hinaus.

Der Innenraum

Grundriss, Q: DBZ 1934, PfAR St. Adalbert
Der Haupteingang im Hinterhof der Torstraße, Foto: K. Manthey, 2014

Betritt man diese Berliner Hinterhofkirche durch das Hauptportal kommt man auf den, unter der Empore befindlichen Vorraum (ein Bauteil der zuvor auf dem Grundstück befindlichen Fabrik).  Links im Eingangsbereich befindet sich dann die Marienkapelle deren erhaltene Gestaltung ein geschlossene Ensemble der Erbauungszeit ist (bis auf den Taufstein).

Altar in der Marienkapelle (seit den 1980ern auch Taufort), n. Entw. von Holzmeister, Foto: K. Manthey 2014

Begeht man nun den Hauptraum befindet man sich in einer Saalkirche, deren Gliederung aufgrund der Struktur des Chorraumes, der Emporengliederung und der drei Türen unterm Nartex eine Dreiteiligkeit erfährt. Dabei ist auffallend, dass die Choranlage nicht mittig axial angelegt ist. Wohl wegen des Aufgangs zum Glockenträger.

Blick zur Empore, bauzeitliche Aufnahme, Q: DBZ 1934, PfAR St. Adalbert
Der aktuelle Innenraum, der Mittelgang ist nicht ganz einer, Foto: K. Manthey, 2014

Altarraum

Der Hochaltar und somit der Kernbereich ist erhalten geblieben. Auch wenn einige Zutaten weggenommen wurden. Dort sieht man die vier Heiligen: Sebastian, Adalbert, Petrus und Hedwig, welche zu je zweien das Mittelsegment des Chorabschlusses flankieren und die sechs Kreuzförmigen Bilder der Sakramente (das 7. findet sich im Tabernakelschrein) stammen von Egbert Lammers.

Der Altarraum, bauzeitliche Aufnahme, 1934, Q: PfAR St. Adalbert

Eine Kuriosität des Altarraumes ist das Kreuz welches der Schauspieler Luis Trenker, ein Freund Clemens Holzmeisters, der Kirche vermachte, nachdem es als Requisit in einem seiner Filme gedient hatte. Übrigens, die Kirche wurde am 22.4.1934 geweiht. Ein besonders stimmiger Ort überdies ist der Seiteneingang. Absolut unscheinbar und trotzdem Form vollendet. Dort sollte wohl auch der Taufstein platziert werden.

Seiteneingang und vermtl. Taufort, bauzeitliche Aufnahme, Q: DBZ 1934, PfAR St. Adalbert

Würdigung

Unscheinbar in der boomenden Touristenmeile, am Rosenthaler Platz, dort in der Mitte Berlins, findet sich auf einem Hinterhof – bis heute – ein Kleinod der Kirchenbaukunst. Es liegt in einem Dornröschenschlaf und zeugt von einer Kirchenarchitekturgeschichte, die es sich bewusst zu machen gilt. Dort machte man aus den vorhandenen Möglichkeiten das beste, zumindest das ist man einem Gotteshaus schuldig.

Weiterführungen

Die Reihe: https://kirchenbauforschung.info/taegliche-kirche/

Der 1. Beitrag zu Adalbert, 2015
Vortragseinladung, 2016
Der Hinterhof

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