Carl Kühn – Einer von vielen… und doch ganz besonders

Ein Beitrag über Carl Kühn: Was für alle Menschen gilt, gilt ebenso für bestimmte Berufsgruppen. Schauen wir nur einmal auf die Architekten. Gebäude umgeben uns, vor allem in den Städten erleben wir gute und weniger gute Architektur. Dahinter stehen Männer und Frauen, die diese Häuser planten und bauten. Doch nur wenige von ihnen bleiben in Erinnerung und sind öffentlich bekannt. Für mich und viele Kollegen macht es daher Sinn, sich mit Werken und einzelnen Biografien zu befassen. Diese stehen oft pars pro toto. Nach neun Jahren Beschäftigung mit dem ersten Diözesanbaurat Berlins, Carl Anton Otto Kühn, ist nun die Druckfassung meiner Dissertation an der Freien Universität im Berliner Lukas Verlag erschienen. Heute möchte ich “meinen” Kirchenarchitekten vorstellen.

Wer war Carl Kühn?

Herkunft

Carl Anton Otto Kühn würde am 19. April 1873 in Köln geboren. Sein Vater, Carl Eduard (1846-79), war ebenfalls Architekt. Er war u.a. an der Kölner Dombauhütte und in Düsseldorf tätig. Dort wohl bei der Erweiterung und dem Umbau der „Alten Synagoge“ mit Franz Deckers. In diesem Zusammenhang wird er jedoch als Kuhne geführt. Carl Kühn Senior verstarb früh. Zurück blieb seine Frau Sophie Kühn (1844-1907), eine geborene Meckel. Ihre Familie war bekannt. So war einer Ihrer Brüder damals bekannter Maler (Ludwig Meckel) ein anderer der ebenso bekannte Kirchenbaumeister Max Meckel, der als neugotischer Architekt vor allem in Freiburger Gebiet arbeitete. Übrigens gab es über die Familie mütterlicherseits etliche Beziehungen zu anderen bekannten Architekten, wie der Familie Statz (Vincenz Statz [1819-99] war 2. Werkmeister der Kölner Dombauhütte) sowie den Gebrüdern Zaar. Von Ihnen stammen u.a. die Beiden Tierportale am Berliner Zoo.

Skizze einer Kanzel, von Carl Kühn Sen., 1871, Q: Dombauarchiv Köln

Werdegang

Zwar war Carl Kühn die Architektur ein Stück weit in die Wiege gelegt, doch ganz genau lässt sich sein Werdegang nicht rekonstruieren. Sehr wahrscheinlich erlernte er einen Bauberuf und ließ sich dann weiter an verschiedenen Stationen ausbilden. Darüber hinaus studierte er, ohne Abschluss, an der Königlich Technischen Hochschule Charlottenburg. So wie viele Architekten, die nicht in den staatlichen Dienst strebten. Sein Lehrer und Mentor war der Kirchenarchitekt und Professor für Mittelalterliche Baukunst Christoph Hehl (1847-1911), für und mit ihm sollte er später auch zusammenarbeiten und erste Projekte realisieren.

Christoph Hehl, Ausschnitt aus einem Gruppenbild des Akademischen Architektenvereins Berlin, 1904, Q: NL Hehl, KuBi Berlin

Dazwischen war er im Büro des Onkels Max Meckel gemeinsam mit seinem Cousin Carl Anton Meckel (1875-1938) und dem Architekten Joseph Franke (1876-1944) tätig. Sie bauten die Garnisonkirche St. Georg in Ulm. Franke errichtete überdies später besonders markante Kirchenbauten, wie die Heilig-Kreuz-Kirche in Gelsenkirchen-Ückendorf von 1929. Nach dem ersten Weltkrieg war Kühn als privater Architekt tätig. Dabei nützte es ihm ebenfalls die Bekanntheit seines Lehrers Hehl. So dass er auch in der Wirtschaftskrisenzeit einige Kirchen(um)bauten realisierte. Dies sollte sein Arbeitsschwerpunkt bleiben, zwar baute er auch Wohnhäuser und vermutlich Nutzbauten wie Garagen in dieser Zeit, doch kirchliches Bauen wurde fürderhin mit über 90% seiner bekannten Werke zum Schwerpunkt seines Wirkens.

In kirchlichen Diensten

Mitte der 1920er Jahre wird er Bauberater der fürstbischöflichen Delegatur in Berlin. Dort erarbeitete er etliche Kirchenbauprojekte und begleitete überdies Projekte von der Renovierung bis hin zur Begutachtung. Als 1930 das Bistum Berlin entsteht wird er zum bischöflichen Baurat sowie Leiter des kirchlichen Bauamtes. Einer damals eher kleinen Abteilung mit vermutlich 3 Mitarbeitern. Übrigens betreute er ferner ebenfalls die Bauvorhaben des Gesamtverbandes der Katholischen Kirchengemeinden Groß-Berlins. Kurzum, einem Zusammenschluss zur Einnahme und Verteilung der Kirchensteuern. Dieser Verband zahlte auch teilweise das Gehalt Kühns. Bis zu dessen Tod 1942 stand er, übrigens über das Rentenalter hinaus, im kirchlichen Dienst.

Familienurlaub in Timmendorfer Strand, Ende der 1920er Jahre, Carl Kühn mit seinen Kindern, Q: Familie Kühn

Hinterbliebene

Da er erst spät Vater wurde, hinterließ er neben seiner 2. Frau Anna Christina (1893-1945) zwei relativ junge Kinder. Die Tochter Marianne verheiratete Freitag (1919-45), damals Studentin der Medizin. Sie nahm sich im Zuge der Eroberung Berlins durch die Rote Armee mit der Mutter das Leben. Der Sohn Carl Ernst (1918-2015), der zu dieser Zeit im Feld war und das verlassene Elternhaus nach dem Krieg veräußerte und gen Süden zog.

Was hat Carl Kühn geleistet?

Ausgangslage

Aufgrund der stetig anwachsenden Großstadt Berlin gab es seit dem späten 19. Jahrhundert einen Mangel an Kirchenräumen. Dies wurde bereits in der Kaiserzeit von beiden Konfessionen zur “Kirchennot” stilisiert. Da sich die Situation auch nach 1918 nicht ausreichende gebessert hatte, war die katholische Kirche der Region besonders im Umfeld der neuen demokratischen Mitsprachemöglichkeiten, dem Preußenkonkordat und damit einhergehend der Gründung des Bistums Berlin sehr engagiert darin Gottesdienstorte zu schaffen.

Realisierung des Seelsorgeplans („Bunning-Plan“)

Anfang des „Bunningplans“, Q: PfAR Herz Jesu, Berlin-Prenzlauer Berg

Dafür hatte man einen Plan erdacht, der viele kleine Gemeinde schuf, die wiederum Gottesdiensträume benötigten. Dieses Vorhaben habe ich “Bunning-Plan” genannte, nach dem Bauunternehmer und Architekten Herrmann Bunning (1868-1930), der maßgeblich an diesem riesigen Aufbau kirchlicher Struktur beteiligt war. Dort gab es gut 180 Ortsvorschläge in drei Dringlichkeitsstufen, zum einen für den Baugrunderwerb und zum anderen für einen Neubau. In den Folgejahrzehnten wurden die dringlichsten der Stufe 1 in beiden Fällen, d.h. gut 60 Kirchengebäude realisiert. Eine große Leistung, da Geld immer knapp war und die Bedingungen in der NS-Zeit und nach dem Krieg nicht sehr günstig. Dafür ging die Administration an seine finanziellen Grenzen ebenso die Gemeinden als Bauherren. Allerdings gab es deutschlandweite Unterstützung, diese wurde übrigens vorrangig von dem Paderborner Bonifatiusverein organisiert.

Carl Kühns Aufgabe

Eine Schlüsselposition hatte dabei der kirchliche Baurat inne. Ihm oblag nicht nur die Oberbauaufsicht für die Diözesanebene, dort mussten alle Bauvorhaben genehmigt und abgenommen werden, er plante und projektierte auch selbst sehr viele Kirchengebäude. Obwohl man dies Anfangs ausschloss, kam es kurz nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten zu einem Umschwung. Nun ist festzuhalten, dass Kühn umso mehr „baute“. Vermutlich war dadurch, dass nun alles in einer Hand lag, die schnelle und günstigere Abwicklung der Bauvorhaben möglich. Ersteres war aufgrund der ständigen Angst, die staatlichen Stellen würden Kirchenbauvorhaben behindern sinnvoll. Solche Versuche sind mehrfach nachweisbar. Zweites stimmte ebenso, da Kühn anscheinend später (ab 1935) keine vollen Honorare mehr erhielt. Er war angestellter Architekt.

Vier Bauherren, 2. v. l. ist vermutlich Carl Kühn, Q: PfAR Heilige Familie, Berlin-Prenzlauer Berg

Kühns Bauten im Überblick

In seiner Schaffenszeit hat er mindestens 67 kirchliche Bauvorhaben realisiert. Gut 50 Bauten für die Katholische Kirche sind indes Kühn zuzuordnen. Auf jeden Fall stammen 39 Sakralbauten im Berliner Bereich von ihm. Dies entspricht zudem einem Anteil von 15 bis 20% aller katholischen Kirchenneubauten seit 1750 bis heute im gesamten (ehemaligen) Diözesangebiet von der Havel bis zur Słupia (ehemals Stolpe, in Pommern) bzw. der Oder heutzutage. Des weiteren zeigen seine Sakralbauten eine große Bandbreite.

St. Agnes, Berlin-Kreuzberg, 1924, Q: Slg. Manthey

Vom Umbau eines preußischen Kavalleriestalls in Berlin-Kreuzberg (St. Agnes, 1924), ein Missionshaus mit Kapelle in Grimmen (St. Jakobus, 1926) über Kirchen in der Großstadt wie Christus König, Berlin-Adlershof (1929) über Heilige Familie, Prenzlauer Berg (1930) oder St. Christophorus in Neukölln (1932) oder im Metropolenraum wie St. Elisabeth in Königs Wusterhausen oder im ländlichen Raum St. Michael, Müncheberg (1938), konnte Kühn im Grunde genommen alle Formen, Größen und Umstände.

St. Michael, Müncheberg, 1938, Q: ZR EBO

Wie ist Carl Kühn einzuordnen?

Stildebatten unter Architekten

Ähnlich wie vielen Architekten dieser Zeit hängt Carl Kühn die Vermutung an, er sei immer Traditionalist gewesen. Dabei bezieht sich Tradition auf die historistische Bauweise von Kirchen. Diese war in der sogenannten Moderne und ist es bis heute bei vielen verpönt. Betrachtet man diese Stildebatten ferner vom “Neuen Bauen” und dem “Bauhaus” (was immer das meint) aus, mag es stimmen. Doch die Moderne im Bauen ist ein breiteres Phänomen. Denn der Erfolg der öffentlichen Diskussion um die Stile seit der späten Kaiserzeit sorgte auch für einen Umschwung in de gebauten Stilen. So wie entsprechend schon im späten Historismus etliche neue Formen Einzug hielten, geschah es bei den Architekten nach 1900 umso mehr. Dass heißt, diejenigen, welche noch in der Kaiserzeit herkömmlich bauten und oft die Stile Ihrer Lehrer weiterzuschreiben versuchten, lösten sich in der Weimarer Zeit von diesem stummen Diktat.

St. Josef, Werneuchen, 1931, Q: PfAR Herz Jesu Bernau

Besonderheiten bei Kühn

Demzufolge wurde bei Carl Kühn und vielen anderen durchaus Neues geschaffen. Obwohl man in der katholischen Minderheit nie ausreichend Geld hatte, entstanden neben vielen Behelfslösungen bewusst markante Kirchenbauten. Hier seien beispielsweise die Kirche Heilige Familie in Prenzlauer Berg („Betender Riese am Humannplatz“ genannt) oder die St.-Joseph-Kirche in Werneuchen (geweiht 1931) zu erwähnen. Darüber hinaus sind bei Kühn Entwürfe für Sakralbauten zu entdecken, die wesentlich moderner und somit radikaler sind als die realisierten Bauten. Denn der Bauherr Kirche hatte seinen eigenen speziellen Geschmack, was seine Prestigebauten, die Kirchen selbst, anbelangte. Kurz gesagt war Kühn zur richtigen Zeit am richtigen Platz. Er war wandelbarer als man denken mag, konnte aber auch gut in den Anforderungen dreier politischer Systeme und der Kirche mit schwimmen. Nur so konnte er produktiv und kostengünstig ein solch große Pensum an Bauten realisieren. Dies gilt es wertzuschätzen!

Heilige Familie, auch: Friedensgedächtniskirche, 1930, Q: PfAR Heilige Familie, Berlin-Prenzlauer Berg

Würdigung

Carl Kühn war einer von vielen und doch ganz besonders. Wer mehr dazu erfahren möchte kann in meinem Buch weiterlesen. Wer Glück hat gewinnt hier einfach ein Buch. Dafür müssen Sie nur wissen und mir schreiben, wie der erste Bischof des Bistums Berlin hieß (kann man hier auf dem Blog finden). Unter allen Kommentaren oder Einsendern (über kmanthey@kirchenbauforschung.info) bis zum 3.Oktober 2021 verlose ich ein Buch und verschicke dies.

Weitere Links

Liste der Bauwerke Kühns
Einer von vielen spannenden Beiträge zu den Projekten Kühns auf diesem Blog

Der Wikipedia-Eintrag zu Carl Kühn: https://de.wikipedia.org/wiki/Carl_K%C3%BChn_(Architekt)

Dies Buchseite beim Lukas Verlag Berlin:
https://www.lukasverlag.com/programm/titel/526-carl-kuehn-1873-1942.html

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