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Herz Jesu, Templin (Uckermark)

Templin habe ich in der letzten Woche wieder einmal besucht. Dabei fiel mir auf, dass ich diese spannende Kirche bisher noch nicht als Kirchenporträt vorgestellt habe. Also kommt heute die Überarbeitung eines Teilkapitels meiner Dissertationsschrift. 1934 erarbeitete Kühn erste Entwürfe für eine Kirche in Templin, nachdem er bereits die Filialkirche Heilig Geist im heutigen Lychen, damals Hohen-Lychen geplant hatte. Bei Herz Jesu waren die Anforderungen andere als beispielsweise in Falkensee oder Blankenfelde. Es handelte sich nicht um einen Bauplatz in einer Siedlung, sondern um einen höher gelegenen Platz am Rand der mittelalterlichen Innenstadt von Templin. Somit entstand eine Art Stadtpfarrkirche für die Katholiken an einer Ausfallsstraße. Deswegen rückten bereits die ersten Entwürfe und auch der realisierte Bau von einem  vorherigen Schema ab. Es galt einen repräsentativen Kirchen bau mit geringen Mitteln und vor allem zügig zu errichten.

Fliegerbild von Templin vor dem 2. Weltkrieg, da die katholische Kirche außerhalb erbaut wurde, ist sie hier nicht zu sehen (es wäre rechts vom Bild).

Geschichte der Gemeinde in Templin

Seit dem frühen 19. Jahrhundert gab es wieder einige Katholiken in der uckermärkischen Stadt Templin. Der Pfarrer von Stettin hielt ab und an Gottesdienst in der St.-Georgen-Kapelle. Ab 1865 hielt der Prenzlauer Pfarrer Gottesdienst in Privaträumen. Die wachsende Gemeinde vor Ort und die vielen polnischen Saisonarbeiter waren der Grund für die Anstellung des ersten katholischen Geistlichen in Templin Ende 1907. Dieser Johannes Sobtzik erwarb 1908 ein Haus. Darin wurde eine Kapelle eingebaut (1909 geweiht). Dort befand sich auch die Wohnung des Kuraten sowie Mietwohnungen. Frühe Bemühungen zu einer eigenen Kirche zu gelangen, wurden durch den Ersten Weltkrieg und die anschließende Inflation zunichte gemacht. Somit blieb es bei der Kapelle.

Ausschnitt aus dem Kataster zum Grundstückskauf (Q: PfAr Templin).

Erwerb des Baugrunds in Templin

Der seit 1925 in Templin wirkende Pfarrer Kurt Ueberholz bemühte sich erneut um ein Baugrundstück und stand ab 1929 mit der Stadt in Verhandlungen um das später auch gekaufte Areal. 1931 konnte ein Teilstück von 3 000 m² erworben werden. Somit wurde die erste Immobilie verkauft. Der Baugrund lag außerhalb der historischen Stadtmauer, jedoch zwischen den beiden Bahnhöfen Templins. Die Bauausführung ließ jedoch auf sich warten. Vielleicht war die finanzielle Belastung nach dem Bau in Hohen-Lychen zu hoch.

Carl Kühn, Ansicht des ersten Entwurfs für Templin, 1934 (Q: PfAr Templin).

Kühns Pläne für Templin

1. Projekt: Die Entwurfsskizze Kühns

Außengestalt

Einem Bittschreiben an den Bonifatiusverein vom August 1934 lag vermutlich die erste Entwurfsskizze vom Juni diesen Jahres zugrunde, die jedoch nicht realisiert wurde. Da sich Pfarrer Ueberholz bei seinem Schreiben auf 45 000 M Kosten festlegte und explizit auf einen Turm verzichtete, muss er diese frühere Skizze vor Augen gehabt haben.

Denn zuerst hatte Kühn ein einfaches, turmloses Projekt vorgelegt, dessen Außenwirkung an beiden Giebelseiten durch Vorbauten geprägt war. Zur Straße hin war ein leicht über den First reichender Glockenträger geplant. Er hätte im unteren Geschoss das Portal und im oberen, mit spitzbogigem Abschluss, zwei Glocken beherbergt. Der rückwärtige Giebel hätte auf dem flachen Pfarr- und Gemeindehaus aufgesessen und wäre eine dreigliedrige, abgestufte Zierfront gewesen, deren Wirkung vermutlich durch Backstein märkische Kirchenbauten des Mittelalters zitierte.

Carl Kühn, Querschnitt und Seitenansichten zum ersten Projekt, 1934 (Q: PfAr Templin).

Der geplante Innenraum

Für den Innenraum schlug Kühn bei dieser Skizze eine mehrfach gebrochene Holztonne als Decke vor, die z. B. auch in Falkensee, St. Konrad, angewendet wurde. Diese hätte ein Hauptschiff überwölbt, kleine Bögen hätten die „Pseudo-Seitenschiffe“ abgeschlossen. Bemerkenswert modern war auch der flache Anbau für die Nutzräume, der sich L-förmig im Grundriss um den Altarraum legen sollte.

Carl Kühn, Grundriss zum ersten Projekt, erkennbar anhand der gestrichelten Linien die Erweiterungsoptionen, 1934 (Q: PfAr Templin).

Besonders interessant ist übrigens die im Lageplan eingezeichnete Vergrößerungsoption zur Straße hin, mit einem seitlich vorstehenden quadratischen Grundriss, der nur als Turm deutbar erscheint. Diese Version hätte die Gesamtlänge fast verdoppelt und den Laienraum um ein Drittel vergrößert. Hier liegt ein ideenreiches, märkisches Projekt vor, das historischen Bezüge der Region mit sparsamen und modernen Bauformen verbindet. Stattdessen zeigte der realisierte Bau, ein zweiter Entwurf Kühns ohne Datumsangaben, einen anderen Baukörper.

Carl Kühn, Realisationsplan, Schnitte und Seitenansichten, nach 1934 (Q: PfAr Templin).

Die realisierten Kirche Herz Jesu, Templin

Außenbau

Das Ensemble beinhaltet Kirche und Pfarrhaus. Letzteres erhielt zwei Stockwerke und ein Walmdach. Als Kirchenschiff entstand ein verputzter, mit Satteldach gedeckter Bau, der gut 14 m lang und 10 m breit war. Davor stellte Kühn einen etwas schmaleren Querturm, der ursprünglich zwei Pyramidendachhelme aufwies, diese wurden bei Erneuerungsarbeiten 1978–1980 zu einem Helm zusammengefügt. In dieser Zeit verschwand auch die außen, links des Kirchturms, angebaute Treppe zur Orgelbühne. Sie wurde nun nach innen verlegt. Das Emporengeschoss wurde durch vier Lanzettbogenfenster belichtet, die die Turmfront gliedern. Die Wände des Langhauses waren mit acht in Paaren angeordneten Spitzbogenfenster durchbrochen. Ursprünglich betrat man die Kirche durch zwei Rundbogentüren. Auch diese wurden später zu einem Portal zusammengefasst. An den, unter dem Satteldach der Kirche erhöhten, Altarraum schloss sich rechter Hand die anfangs flach, nun mit Satteldach, gedeckte Sakristei an.

Carl Kühn, Realisationsplan, Vorderansicht mit Doppelportal, Zwei Turmhelmen und Außenaufgang, nach 1934 (Q: PfAr Templin).

Innenraum

Innenraum: Deckenkonstruktion, Blick zur Orgel, das relativ junge Instrument ist in die Ecke gebaut, damit die vier Fenster sichtbar bleiben. Foto: K. Manthey, 2013.

Aufbau und Deckenkonstruktion in Templin

Im Innenraum prägte, wie beispielsweise auch in der kurz zuvor erbauten Kirche in Lychen, eine polygonal gewölbte Holztonnendecke die Erscheinung. Damit erzielte Carl Kühn für das Hauptschiff mehr Raumhöhe. Diese Deckenkonstruktion besteht aus je fünf Holzständern, die mit ihren Konsolhölzern und Wandvorlagen das Längsgebälk trugen. Darunter ergaben sich zwei Seitengänge von ca. 1,25 m Breite. Zwischen den Sparren der Tonne waren zur Erbauungszeit die Bretterschalungen ornamental bemalt. Nun sind dort zur Wärmedämmung helle Platten angebracht. Außerdem musste die Holzkonstruktion mittlerweile durch Eisenelemente versteift werden.

Seitengang mit Balkenkonstruktion, Foto: K. Manthey, 2013.

Fenster und Altarwand

Auch die im Krieg zerstörten, durch Gemeindemitglieder gestifteten Fenster aus der Werkstatt von Carl Busch sind durch farbige Betonglassteine ersetzt worden. Die Kirche bot ursprünglich 450 Personen Platz.

Der bauzeitliche Hochaltar mit einer Wandmalerei von Heinrich Kottrup, Berlin-Lichterfelde, der die gesamte Ausmalung der Kirche besorgte, wurde in der Renovierung 1978–1980 durch eine Kupfertreibarbeit von Kahle aus Potsdam-Babelsberg verdeckt. Der Hochaltar war ein schlichter Steintisch mit Tabernakelaufbau. Dahinter befand sich also lange Zeit ein Bild des auferstandenen Christus als Pantokrator. Er wurde flankiert von den heiligen Bischöfen Bonifatius und Otto, den historischen Missionaren im Bistumsgebiet.

Weitere historische Ausgestaltung

Konsekration durch Bischof von Preysing 1935, Q: SchlBBl 76 (1935), Nr. 11.

Darüber war in der Mitte des Triumphbogens ein Herz-Jesu-Emblem gemalt. Dies war das Symbol des vergangenen märkischen Katholikentages 1934 in Hoppegarten. Vielleicht ging dieses Motiv auf Kühn zurück, der öfter künstlerischer Leiter katholischer Großveranstaltungen war. Vom August 1935 stammte ein Plan Kühns, der die Anlage des Gartens vorgab und zwei Anbauten zeigte, ein nun entfernter Torbogen an der linken Kirchenaußenwand ungefähr auf der Höhe der Altarstufen sowie eine Veranda an der Rückseite des Pfarrhauses, die 1978 bis 1980 aufgestockt wurde. Diese wurde abgerissen, als 2003 ein größerer Saal angebaut wurde.

Wirkung und Würdigung der Templiner Kirche

Der Bau in Templin war eines von Kühns Stadtpfarrkirchen-Projekten im Bistum. Ein Bau mit repräsentativer Wirkung. Es wurde aufgrund des neuen, dritten Bischofs, Dr. Konrad Graf von Preysing, gern darüber berichtet, da die Kirchweihe eine seiner ersten Amtshandlungen darstellte. Dabei wurden in den Texten stets die Mühen der Gemeinde betont, eine würdige Kirche zu erhalten.

Einzug zur Kirchenweihe durch Bischof von Preysing (Mitraträger links),
Q: Zeitschrift „Der Gral“, Dezember 1935

Ein weiteres Thema in der Berichterstattung waren die weltlichen Feiern zur Grundsteinlegung und zur Konsekration, die Attraktion hier waren die Gralsmädchen, die aus Berlin und Zehdenick kamen um den Gottesdienst zu gestalten. Es handelte sich hierbei um eine niederländische Bewegung, die Bischof Christian Schreiber nach Berlin holte und die dort zügig in vielen Gemeinden Gruppen bildete. Dies waren junge Frauen, die mit ihren Liedern und Programmen die Freude des katholischen Glaubens nach außen trugen, Feste und Gottesdienste gestalteten. Sie zogen am Weihetag singend durch Templin. Damit bot sich ein lebhaftes Bild der Katholischen Kirche in der Diaspora der Uckermark.

Außenansicht der Kirche aus dem Weihejahr 1935, SchlBBl 76 (1935), Nr. 11.

Bis heute ist die Kirche Beeindruckend. Bei meinem letzten Besuch habe ich die Wirkung der Glassteinfenster bei Tageslicht entdeckt. Zwar ist die Treibarbeit an der Chorwand meiner Meinung nach unpassend, ich mag das ursprüngliche Wandbild mehr, dennoch die Kirche wirkt. Bis heute ist es der Mittelpunkt der ca. 800 Seelen zählenden Gemeinde. Ein Lebensmittelpunkt für die Katholiken der Uckermark. Alsbald wird eine neue Großpfarrei aus den Pfarreien Templin, Prenzlau und Schwedt entstehen. D.h. Der Kreis Uckermark und Teile von Oberhavel werden ein kirchlicher Verwaltungsbezirk, mehr als Als 100 km von Ost nach West und über 80 in Nord-Süd-Ausdehnung. Bleibt zu hoffen, dass dieser schöne Landstrich auch durch engagierte Kirche bereichert werden kann. Auf viele Jahre!

Links zur Kirche in Templin und darüber hinaus

Seite der Pfarrei Templin: http://www.pfarrei-templin.de/

Hintergrund zur märkischer Bautradition

Als Quellen dienten:

PETER BEIER, MICHAEL KALLISKE u.a., [Festschrift] 75 Jahre Herz Jesu Kirche Templin. 1935–2010, Templin 2010.

Pfarrarchiv Herz Jesu,Templin, Altes Projekt Templin – nicht gebaut, Skizze Katholische Kirche Templin, gefalteter Plan, 8. Juni 1934.

Pfarrarchiv Herz Jesu,Templin, Bauakten, Kirchenbau, Ordner.

Archiv des Bonifatiuswerks Paderborn (ABW), Mappe Berlin, Templin.

Pfarrchronik Templin im Pfarrarchiv

WOLFGANG SOMMER, Das Schaffen des Architekten Karl Kühn im Bereich des Bistums Berlin, Diplomarbeit Universität Halle 1993, unveröffentlicht

Templin in der Uckermark (Bistum Berlin). Einweihung der Herz-Jesu-Kirche, in: Schlesisches Bonifatius-Vereins-Blatt [SchlBBl] 76 (1935), Nr. 11, S. 324–325.

KRISTIAN MENNEN, Selbstinszenierung im öffentlichen Raum: Katholische und sozialdemokratische Repertoirediskussionen um 1930, Münster 2013,

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