Maria Gnaden, Berlin-Hermsdorf

Maria Gnaden, die katholische Kirche im Norden Berlins war am 7. Oktober 2020 der Kirchenführungsreihe Berlins Sakralbauten. Es ist ein eigenwilliger Sakralbau zwischen traditionellen Formen und modernen Elementen. Darüber hinaus ist dieser Bau eine von vier bekannten Kirchen des Architekten Josef Bischof.

Hermsdorf und die Geschichte der katholischen Gemeinde

Siedlungsgeschichte

Erste Siedlungen am Tegeler Fließ im Raum Hermsdorf vermutet man Ende des 11. Jahrhunderts. Damals siedelten dort slawische Stämme. Wie vielerorts in Brandenburg kamen außerdem im 13 Jahrhundert vermehrt „deutsche Siedler“ und dominierten die Region. Dazu entsteht wohl in dieser Zeit auch eine erste Holzkirche. Erste urkundliche Erwähnung fand Hermsdorf übrigens 1349 (als Hermanstorp). Ferner wurden im Landbuch Karls IV. fünf Höfe genannt.

Doch erst im Jahr 1541, also zwei Jahre nach der Reformation in Brandenburg, wird ein Pfarrer erwähnt, der die Gemeinde von Dalldorf (heute: Wittenau) aus betreut hat. Eine spätmittelalterliche Fachwerkkirche wurde 1756 abgebrochen und darauf durch eine neue am heutigen Standort der Dorfkirche ersetzt. Überdies gehörte das Dorf lange Zeit verschiedenen Rittergütern an. 1877 erhielt Hermsdorf Anschluss an die Nordbahn. Zuerst war die Station eben erdig ab 1910 befuhr man den Bahndamm. Mit der besseren Erreichbarkeit wurde der Ort für Neubauten interessant. Terrain-Gesellschaften parzellierten die Gegend und so kam es zu einem starken Bevölkerungsanstieg.

So groß war die Pfarrei Reinickendorf zu Beginn, Q: Baustein Maria Gnaden, 1988

Geschichte der Kirche im Nordwesten Berlins

Somit kamen auch Katholiken wieder nach Hermsdorf, 1896 waren bereits 32 bekannt.  Im Folgejahr errichteten schließlich die, 1868 gegründeten, Arensberger Dominikanerinnen ein Kinderheim in Hermsdorf. Denn die soziale Lage besonders bei Waisenkindern war in der Moloch artigen Großstadt verheerend. In der dortigen Kapelle wurden außerdem ab 1898 regelmäßige Gemeinde-Messen gefeiert. Anfänglich zelebrierten meist Dominikaner aus dem St.-Paulus-Kloster in Moabit. Zuvor gab es bereits gelegentlich Messen in Privaträumen. Übrigens wurde der gesamte Nordwesten Berlins am Ende der 19. Jahrhunderts pfarrlich von Reinickendorf aus betreut. Dort wirkte Johann Leopold Panske als erster Pfarrer. Auch er war zuerst im Kloster Vom Guten Hirten untergekommen. Später baute er verschiedene Kirchen so z.B. die Herz-Jesu-Kirche in Oranienburg, 1895, dorthin zog er auch für mehrere Jahre gegen den Willen seines Bischofs.

Das Dominikusstift, Aufnahme um 1930, historische Ansichtskarte, Q: Slg. Manthey

Geschichte der Katholiken Vorort

Mit der Ernennung des Kaplans Franz Kaiser aus Frankfurt /Oder, geboren in Breslau, begann eine sehr erfolgreiche Aufbauzeit für die Gemeinde. Hermsdorf gehörte damals entsprechend zum Kreis Niederbarnim. Bei dem dortigen Landrat hatten die Katholiken jedoch einen schweren Stand. Doch der Hermsdorfer Geistliche, „Kaiser Franz“ genannt, hielt dagegen. 1908 wird überdies im damaligen Dominikusstift (dem heutigen Krankenhaus) eine neue Kapelle geweiht. Weiterhin entsteht 1911 die Kuratie (14 Orte zählen dazu neben Hermsdorf beispielsweise Blankenfelde aber auch Birkenwerder). Zur Pfarrei wird die Gemeinde jedenfalls 1922 erhoben, Kaiser war bereits ab 1915 Pfarrer ehrenhalber. Er wird folglich zum Erzpriester von Reinickendorf ernannt werden. Seit 1938 hat die Gemeinde einen Kaplan. Erzpriester Franz Kaiser stirbt nachdem er 46 Jahre in Hermsdorf wirkt, am 12.10.1952. Sein Nachfolger wird erst der aktuelle Kaplan Adalbert Bunge. Allerdings übernimmt dessen Bruder Werner 1953 die Pfarrei.

Erzpriester Franz Kaiser, 1937, Bei der Grundsteinlegung der St.-Johannes-Kirchen in Berlin-(Französisch)Buchholz, Q: PfAr Mater dolorosa, Berlin-Buch

Baugeschichte der Kirche

Vorgeschichte

Ende der 1920er Jahre kann schließlich der Bau einer eigenen Pfarrkirche angegangen werden. Konkrete Planungen beginnen 1929. Dabei hilft der Gesamtverband der Katholischen Kirchengemeinden Groß-Berlins beim Erwerb des Baugrundes, welches 2800m² groß, 1930 gekauft wird. Ab 1930 kam es zu verschiedenen Werbeveranstaltungen um Mittel für den Neubau zu sammeln. Im Dezember d. J. scheint es ferner einen kleinen Wettbewerb gegeben zu haben. Man entscheidet sich für die Entwürfe des erfahreneren Architekten Josef Bischof. Dieses Projekt wird folglich auch an den Geldgeber und formalen Bauherren den Gesamtverband weitergeleitet. Dort erscheinen jedoch die Gesamtkosten von 150.000 RM zu hoch. Demzufolge muss erst einmal weitergesammelt werden. Ebenso kommt es zur Überarbeitung des Planes.

Bauzeitliche Außenansicht, Fotopostkarte, Q: Slg. Manthey

Der Bau beginnt

Mit dem Einreichen eines neuen Planes im Herbst 1932 und der im darauf folgenden Frühjahr durch die Bau- und Kunstkommission des Bistums erfolgten Genehmigung war der Weg frei. Das Projekt kostete nun inklusive Grundstück und Pfarrhaus 123.000 RM. Gut die Hälfte hat die Gemeinde bereits angespart, der Rest kann dazu durch einen Zuschuss des Gesamtverbands und ein Darlehen bewerkstelligt werden.

Die Kirchenweihe, Q: Märkische Volkszeitung, 1934

Ab September 1933 wird schließlich gebaut. Am 22. Mai 1934 weiht dann der 2. Bischof von Berlin, Nicolaus Bares, die Kirche. Der vollständige Name der Kirche lautet übrigens: „Ecclesia in honorem Beatissimae Matris Divinae Gratiae“, übersetzt: „Kirche zu Ehren der Allerseligsten Mutter der Göttlichen Gnade“, kurzum: Maria Gnaden.

Der Architekt Josef Bischof

Maria Anton Josef Bischof wurde am 8. April 1885 in Berlin geboren. 1909 verließ er als diplomierter Architekt die Technische Hochschule Charlottenburg. Er trat in den Staatsdienst ein und war zuerst als Regierungsbauführer im königlichen Bauamt tätig später in Wilmersdorf und im ersten Weltkrieg war er bei der Heeresverwaltung tätig. Darauf war er ab 1919 für gut 6 Jahre Stadtbaurat in Luckenwalde. Anschließend arbeitet er hingegen als Privatarchitekt. Immerhin sind vier realisierte Kirchen von Bischof bekannt: St. Alfons, St. Joseph, St. Salvator und Maria Gnaden, die in einem Zeitabschnitt zwischen 1931 und 1934 entstehen. Darüber hinaus reichte er mehrfach Entwürfe für kirchliche Projekte ein. Nachdem  war er ab 1945 im Raum Frankfurt tätig und starb dort 1973.

Blick auf das Pfarrhaus, im Vordergrund der Turm, Foto: K. Manthey, 2020

Der Bau

Außenbau

Der rechteckige Baukörper erhält durch den, aus der Seitenflucht hervorragenden runden Kirchenturm mit sich verjüngendem Kegeldach, seine besondere Form. Im Stumpf des Turmes befindet sich die Taufkapelle mit einem Kreuzweg aus Porenbeton (wohl nach 1970), der aus der aufgegebenen Kirche Regina Mundi stammt. Abwechselnde Fensterformen und Rahmungen aus Bruchstein akzentuieren den weißen Putzbau.

Kreuzweg aus Porenbeton, Foto: K. Manthey 2020

Eine „Bauhausmauer“ umschließt die Baugruppe. An ein kubisches Kirchenschiff schließt das Pfarrhaus an. Ein Kindergarten und ein Gemeindehaus entstanden in den 1960er Jahren in der benachbarten Olafstraße Der Neubau des Gemeindezentrums bei der Kirche wurde 2008 angefangen und 2010 fertig gestellt.

Detail der Seitenansicht, unterschiedliche Fensterarten lockern die Wandflächen auf, Foto: K. Manthey, 2020

Ausstattung

Historische Stücke

Zur ersten Ausstattung, die mit 16.000 RM eingepreist war, zählt eine barock wirkende Tulpenkanzel, sowie eine vergoldete Madonna über dem Hochaltar mit Lichterkranz aus elektrischen Glühbirnen. Der Entwurf der Madonnafigur geht auf Prof. Thorak zurück. Abänderung erfuhr das Werk durch die Kunstkommission. Die Ausführung lag beim Frohnauer Bildhauer Lotter. Josef Thorak (1889-1952) stammte aus Wien. Er wurde neben anderen von Albert Speer in die künstlerische Ausgestaltung von Bauten der geplanten Welthauptstadt „Germania“ einbezogen. Außerdem galt Thorak als populärster Bildhauer im „Dritten Reich“. Doch vor und nach dem 2. Weltkrieg arbeitete er stets für die Kirche, z.B. St. Josef in Berlin-Tegel. Vielleicht war dies nach der NS-Zeit sogar seine Rettung.

Bauzeitliche Innenansicht, historische Ansichtskarte, Q: Slg. Manthey

Eine Orgel erhielt die Kirche 1936. 1942 werden die beiden größeren Glocken von dreien abgeholt. Der Taufstein in der Turmkapelle ist bauzeitlich. Vermutlich aus der ehemaligen Kapelle im Dominikusstift stammen die qualitätvollen Kreuzwegstation (Malerei auf Metall) sowie die Kriegsgedächtnistafel unter der Empore.

Ebenfalls an die Gefallenen des ersten Weltkriegs erinnert die Mosaikarbeit (vermutlich Maria mit den sieben Schmerzen) am Rundpfeiler unter der Empore. Der wiederum ein kleineres Gegenstück zum runden Turmstumpf ist. Ebenso scheinen die Fenster aus der Erbauungszeit in weiten Teilen erhalten (sign. Puhl-Wagner, Berlin-Treptow).

Signatur am vorderen Langfenster: Puhl-Wagner, Berlin-Treptow, Foto: K. Manthey 2020

Im November 1943 verursachte ein nächtlicher Luftangriff schwere Schäden in Hermsdorf. „Auch in den Kirchenraum fallen Brandbomben; der Küster verhindert durch Hinaustragen der brennenden Phosphor-Stabbrandbomben größeren Schaden.“ (Festschrift 75 Jahre, S. 10)

Spätere Veränderungen

1. Umbau

1954 kommt es zu ersten großen Umbauten die goldene Madonna über dem Hauptaltar wird durch ein hängendes Christkönig-Kruzifix ersetzt. Ebenso wird der Tabernakel
neugestaltet. Durch die Andeutung einer Königskrone entsteht Bezug zu dem neuen Kreuz in der Apsis. Dabei ist die Frage weswegen es in einer Marienkirche nun zur christologischen Betonung kommt. Vielleicht waren die Stücke zuerst für einen anderen Ort gedacht. Gutmöglich, dass diese Kunstwerke im Kontext mit der 1951 fertiggestellten Christuskönig-Kirche in Lübars stehen, einer Filiation. Weiterhin wird die Kanzel entfernt und die Bilder über den Nebenaltären durch einen Marienteppich und einen Josefsteppich entworfen von Paul Corazolla ersetzt.
Hinzu kommt ein provisorischer Altartisch für eine zeitgemäße Gestaltung der Messe in Richtung Gemeinde.

Innenansicht vor 1968, historische Ansichtskarte, Q: Slg. Manthey

2. Umbau

Mit einer zweiten Innenrenovierung der Kirche 1968 kommt es zur Entfernung der Kommuniongitter. Ebenfalls wird die vordersten Kinderbankreihe ausgebaut.  Die in die schmalen Seitengänge hineinragenden Kerzenhalter der Apostelleuchter werden weggenommen. Außerdem werden die Glas-Medaillons der hohen Kirchenfenster demontiert. Mit der 2.Orgel kommt ein Schuke-Instrument in die Kirche, welches mehrfach umgebaut und erneuert wird.

Paul Corazolla, Marienteppich, um 1954, heute im Neuen Gemeindezentrum, Foto: K. Manthey 2020

3. Umbau

Nun erleben wir größtenteils die 3. Renovierung und Umbau der Kirche aus dem Jahr 1988 unter Pfarrer Niklas Weinges. Dabei kamen ein neuer Altar und neuer Ambo in die Kirche. Der Hochaltar und die ehemaligen Nebenaltäre wurden entfernt. An einem dieser Orte wurde nun der Tabernakel aufgestellt.

Der Tabernakel, Foto: K. Manthey 2020

Durch die Aufstellung einer Marienstatue an Stelle des rechten Nebenaltares kam der Bildteppich aus dem Kirchenraum. Für die Umgestaltung zeichnete der Architekt Hans-Ulrich Schröter verantwortlich. Von ihm stammen auch die besonderen Leuchter im Kirchensaal. Aufgrund der letzten Umbauten wurden auch die Beichtstühle entfernt.

Aktueller Zustand im Innenraum, Foto: K. Manthey 2020

4. Umbau

Die letzte Renovierung des Innenraumes fand 2013 unter Pfarrer Norbert Pomplun und dem Leiter des Bauausschuss Hartmut Gerlach statt. Dort kam es zur Demontage des Beichtstuhls und dem Einbau der Antonius-Kapelle neben dem Eingang. Weiterhin wurde eine neue Lautsprecheranlage mit Induktionsschleife für Hörgeschädigte eingerichtet sowie das Fundament des Altarraumes erneuert.

Die Antoniuskapelle, Foto: K. Manthey 2020

Würdigung

Maria Gnaden steht wie andere Bauten Josef Bischofs und seiner Zeitgenossen stilistisch zwischen Tradition und Moderne. Dabei ist die oft geäußerte Kritik der Kirchenbau in der NS-Zeit sei den Stil-Vorgaben der Diktatur gefolgt nicht zutreffend. Kirchliches Bauen musste damals zwischen staatlichen und kirchlichen Ansprüchen bestehen. Zumal man stets sehr Abhängig von Finanzierungen durch kirchliche Institutionen war. Josef Bischof dachte durchaus modern. Maria Gnaden ist ein Zeichen des Aufbruchs in eine Moderne deren Radikalität sich nach dem 2. Weltkrieg zuerst im Sakralbau äußerte. Hier wollte man unbedingt kein „weiter so“ mehr.

Rückansicht von der Olafstraße (über der Apsis das Oberlicht), Foto: K. Manthey 2020
Das Oberlicht über dem Chor sorgte für natürliche Beleuchtung des ehemaligen Hochaltars, Foto: K. Manthey 2020

Links

Seite der Gemeinde

https://www.st-franziskus-berlin.de/gemeinden/maria-gnaden/

Eine Kirche weitere Kirche von Josef Bischof

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