St. Annen in Berlin-Lichterfelde Nord rund um den Botanischen Garten wurde am 14.6.2026 90 Jahre alt. An diesem Datum wurde 1936 die Kirche durch den damaligen bereits 3. Berliner Bischof Konrad von Preysing geweiht. Insofern bemerkenswert da die Diözese erst 1930 errichtet wurde. Aus diesem Anlass habe ich vor den Sommerferien dort einen Vortrag zur Geschichte der Gemeinde und Kirche gehalten, mit dem Titel: In schlichtem römischen Glanz: St. Annen Lichterfelde. Darin wurde versucht den Bogen zwischen römischer Tradition, diasporischem Berlin und Lichterfelde zu schlagen.
Bald drei Monate später, wenige Tage der Mariä Geburt (8.9.) gebe ich hier einen Eindruck von den sehr spannenden Geschichten rund um den Bau der katholischen St.-Annen-Kirche in Lichterfelde. Einiges davon stammt übrigens aus einem Text für eine kleine Festschrift zu diesem Jubiläum, anderes aus dem Vortrag. Außerdem konnte ich noch einen mir übermittelten Fund aus dem Pfarrarchiv von der letzten Woche einarbeiten. Manchmal hat Zuspätsein auch nützliche Seiten.
Hintergründe zum Berliner Kirchenbau und der Entstehung der Gemeinde
Die Berliner Situation
Die deutsche Hauptstadt erlebte so wie andere große Städte des Landes in den letzten 150 Jahren ein starkes Wachstum. Ware es 1871, ca. 826.000 Einwohner gab es bei der Gründung Groß-Berlins, 1920, rund 3.879.000 Menschen. Ebenso wuchs die Zahl der Katholiken. Gab es 1871 im Stadtbereich ca. 51.000 Katholiken, erreichte die Zahl ihren Höhepunkt um mit gut 400.000 Gläubigen. Zudem stockte der Ausbau kirchlicher Strukturen. Die leitenden Geistlichen, Delegaten des Breslauer Fürstbischofs, waren bemüht, die Gemeindestruktur zu vergrößern. Es fehlte vor allem an Kirchen. Damit stießen sie im protestantischen Preußen immer wieder auf Gegenwind, z.B. durch den Kulturkampf. Vor allem in der ersten deutschen Demokratie war es nun möglich katholischen Ausbau voranzutreiben. Die toleranten Grundbedingungen der Religionsfreiheit wurden parlamentarisch durch die katholische Partei das Zentrum mitgeprägt und getragen. Zumindest bevor Deutschland in der Nazi-Diktatur und schließlich im Krieg versank.
St. Annen ein Kind des Seelsorgeplans
Auszug aus: Grundsätze für Neuschaffung von Seelsorgestellen in Grossberlin bezüglich ihrer Lage und Dringlichkeit 1926/27, sog. Bunningplan, Q: PfAr Herz Jesu, Prenzlauer Berg
St. Annen, Berlin-Lichterfelde, entsteht aufgrund der Seelsorgepläne der Zwischenkriegszeit. Diese wurden durch einen akribischen Lageplan, den sog. „Bunningplan“ fixiert (dazu hoffentlich bald mehr). Für einen zügigen eigenfinanzierten Aufbau von Seelsorgestellen und Kirchenbauten war nie ausreichend Geld in der Diaspora vorhanden. Jede katholische (Not-)Kirche oder Kapelle entstand mit viel Eigenleistung der Gemeinden und durch zahlreiche Spenden auch aus den katholischen Regionen Deutschlands. Zuerst erhielt man diese durch tausende Bettelbriefe von Diasporapfarrern zusammen. Diese unkoordiniert abgehaltenen Sammelaktionen sorgten für viele Beschwerden. Daher trat der Bonifatiusverein für die Diaspora mit Sitz in Paderborn für ein straffes Förderwesen ein. Im Fall von St. Annen lief das meiste über die Mutterpfarrei Heilige Familie in Lichterfelde sowie über den Gesamtverband der Katholischen Kirchengemeinden und einen von Baupfarrer Beyer (1872-1937) gegründeten Sammelverein. Hinzu kam die Finanzierung durch Darlehen, wobei es hier Mitte der 1930er Jahre für die Kirche schwer wurde Mittelgeber zu finden.
Eine katholische Kirche für Lichterfelde-Nord
Ziel war es rund um den Bahnhof Botanischer Garten eine Gemeinde zu gründen, da dort in den 1920er Jahre weitere Siedlungen entstanden und mit relativ vielen Katholiken gerechnet werden konnte. Ein geeignetes Baugrundstück was in der bereits dicht bebauten Lage schwer zu bekommen. So bat der Pfarrer von Lichterfelde, Max Beyer, den Architekten Hermann Bunning (1868-1930), um 1927/28, tätig zu werden. Dieser klapperte die Gegend ab und kam mit möglichen Verkäufern in Kontakt. Zudem war er sogar bereit als Strohmann einen Kauf abzuwickeln, damit keiner von der kaufwilligen Katholischen Pfarrei abgeschreckt würde (s. Brief Pfr. Beyer vom 2.9.1927, PfAr Hl. Familie Lichterfelde).
Auf der Suche nach dem passenden Baugrund
Den Vorschlag Bunnings für ein Grundstücks in der Hortensienstraße lehnte der Bauherr ab, es läge zu dicht an der S-Bahn. Zudem befürchtete Beyer dort Konflikte mit der Steglitzer Pfarrei. Dort ist es denkbar, dass es sich um das Grundstück handelte auf dem ab 1931 die evangelische Martin-Luther-Kirche entstand (ebenfalls 1936 eingeweiht). Gewünscht wurde generell eine Lösung südlich des S-Bahnhofs Botanischer Garten und westlich des Hindenburgdamms. Dort war in der Klingsorstraße 119 die erste Kapelle der Gemeinde, im Altersheim der St.-Ludwig-Pfarrei in Wilmersdorf, 1929 eingerichtet worden. Mit dem Grundstückskauf durch den Gesamtverband im Gardeschützenweg kam es fast zur Wunschlage.
Hier ist eine weitere Möglichkeit für ein Grundstück zu sehen, unweit vom Richard-Wagner-Platz, dort wo heute Teile des Universitäts-Campus Benjamin Franklin sind. Dazu Pfr. Beyer: „es gäbe kein ungeeigneteres Grundstück“. Q: Brief Pfr. Beyer vom 2.9.1927, PfAr Hl. Familie Lichterfelde
Ein Architekt aus Freiburg – Carl Meckel
Wie es zu den Architekten Siegfried Lukowski und Carl Anton Meckel (1875-1938) kam, ist der Verwandtschaft zum damaligen Diözesanbaurat Carl Kühn (1873-1942) zu verdanken. Kühn schlug dem ihm gut bekannten und vertrauten Max Beyer seinen Cousin vor. Kühn hatte bereits selbst, wie Beyer schreibt, einen Entwurf vorgelegt. Doch da es Mitte der 1930er Jahre die Ausnahme sein sollte, dass der oberste Architekt und Bauherrenvertreter des Bistums selbst Entwürfe realisierte, kam Carl Meckel zum Zug. Zum einen vertraute Kühn ihm, zum anderen hatte er somit weiterhin Einfluss auf das Geschehen, was später auch notwendig wurde. Zum Dritten erfüllte er damit sicherlich den Wunsch des Bauherrn nach einer traditionellen katholischen Bauweise. Dies hatte der Geistliche immer wieder eingefordert.
Der Freiburger Architekt hatte einen Berliner Partner und mit ihm ein Büro in Berlin-Niederschönhausen. Somit wurde die Forderung erfüllt, dass Büros aus dem Bistumsgebiet bauen sollten. Gemeinsam gab es weitere Aufträge in Berlin und Ostdeutschland. Pfarrer Beyer war von dem Duo enttäuscht, er schrieb in der Pfarrchronik (S. 89):
„Der Chronist [Beyer] als Bauherr ist wenig zufrieden. Es war ein sehr schweres Zusammenarbeiten mit der Architektenfirma Meckel und Lukowski. Meckel saß in Freiburg i. Br. u.[nd] kam während des Baues nur 2x nach Berlin, er ist ein eigensinniger Badener Gothiker, der die märkische Bauweise nicht versteht, Lukowski, der zugleich auch »Bauführer« war, ist total unfähig, wenn nicht Diözesanbaumeister (Rat) Kühn immer wieder mit Rat u.[nd] Tat eingesprungen wäre, wäre so ziemlich alles schief gegangen.“
Der von Kühn 1935/36 gezeichnete Grundrissplan der Kirche, Q: Bauakten St. Annen ZR EBO
Also musste Kühn öfter einspringen. Er zeichnete mindestens einen Plan neu und war häufig vor Ort. Außerdem wird an dem Projekt St. Annen deutlich, dass die Zeiten für kirchliche Bauprojekte schwierig waren. Es gab kaum noch geeignete Firmen, die man beauftragen konnte, noch passende Baumaterialien. Diese wurde immer mehr für staatliche Bauzwecke gebraucht, dazu zählte Kirche nun nicht mehr. Für St. Annen sorgte der bereits früh gegründete Kirchbauverein für planerische Sicherheit und Eigenständigkeit. Gemeinsam mit dem Kuraten Puff organisierte man die Finanzierung durch Spenden und Darlehen. Somit konnte die Gemeinde nahezu unabhängig bauen.
Besonderheiten rund um den Entwurfsprozess
Guido Görres, Otto Bartnings Stahlkirche und erste Entwürfe
So wie einst sein Pfarrer Josef Deitmer der Großmutterpfarrei in Steglitz, plante der Pfarrer von Lichterfelde ebenfalls verschiedene Tochtergemeinden. Nach der Kirche und Gemeinde Mater Dolorosain Lankwitz, wo Beyer den Bau plante und dann seinen Kaplan dort zum Geistlichen machte, waren noch Kirchen in Kleinmachnow, Teltow und/oder Großbeeren angedacht. Dazu erbat der Bauherr Skizzen verschiedener Architekten.
Entwurf von Guido Görres in der Feuerreiter 1930, Q: PfAr Hl. Familie Lichterfelde
Einer davon war der Sohn eines befreundeten Rechtsanwalts, Guido Görres, aus dem Büro Otto Bartnings (1883–1959). Im ersten Brief freute sich der Görres, über die Idee Beyers, Bartnings Stahlkirche der Pressa-Ausstellung in Köln (1928) danach in Lichterfelde-Nord aufzubauen. Görres lieferte später eigene Entwürfe für Lichterfelde-Nord. Bereits um 1930 zeichnete er eine Notkirche mit Lamellendach (int. Link mit weiteren Abb.), der vom Bonifatiusverein geforderten Einheitsbauform. Zudem zeigt eine Veröffentlichung von Görres Entwürfen von 1934 in der Deutschen Bauzeitung, wieweit bereits neue Pläne für die Kirche in Lichterfelde-Nord ausgearbeitet waren.
2. Entwurf von Guido Görres, Veröffentlicht in der Deutschen Bauzeitung (DBZ), Q: DBZ Heft 30.1935
Rudolf Schwarz, Emil Stefann und ihre Idealkirche
Diese Publikation ist vielleicht ein Grund für Rudolf Schwarz (1897-1961) gewesen, sich Ende 1935, Anfang 36 mit einem Projekt St. Anna zu befassen – ohne Auftrag und obwohl der Bau fast vollendet war. Schwarz Interesse ist nicht mit Quellen belegbar. Ein anderer Grund kann auch der wirkliche Architekt Carl Meckel gewesen sein. Dieser hatte in viel beachteten Vorträgen ein traditionelles Verständnis von sakraler Architektur postuliert. Dabei sind die Grundaussagen der liberalen und konservativen Kirchenbauarchitekten kaum unterschiedlich. Die Schlüsse wie nun zu bauen sei hingegen waren es schon.
Ebenfalls ist anzunehmen, dass der mit Schwarz befreundete Theologe Romano Guardini (1885-1968) sich mit ihm und seinem Mitarbeiter Emil Steffann (1899-1968) austauschte. Die Situation der Stadtrandlage passte gut, um Ihren Überlegungen freien Lauf zu lassen. Wie zur Erläuterung der 24 Skizzenblätter verfasste Schwarz zudem die Denkschrift „Liturgie und Kirchenbau“ oder den Text zu den Blättern. Also war St. Annen wohl eher ein willkommenes Exempel für den Grundstock der Kirchenbautheorie Rudolf Schwarz`. Die im Archiv des Erzbistum Kölns überlieferten Zeichnungen beider Architekten zeigen einfache längsrechteckige hohe Baukörper in einfacher Satteldachform. Der Kirchensaal im Inneren ist einheitlich und die Sitze gruppieren sich u- bzw. l-förmig um eine an der Kurzwandstehenden Altarinsel.
Beispielbild zur Frage der Ausrichtung in Kirchen, aus: Liturgie und Kirchenbau. Denkschrift, aus Anlass des Neubaus der Sankt-Annen-Kirche in Berlin-Lichterfelde (1936), erstmals in: konturen, rothenfelser burgbrief 02/04, Q: https://www.burg-rothenfels.de/traeger/konturen-burgbrief Ich bemühe mich um die Erlaubnis auch eine Zeichnung für St. Annen hier zu veröfftlichen.
Die realisierte Kirche
Carl Anton Meckel, Ansichtszeichnung seines Kirchenentwurfs von 1935, dieses Motiv wurde als Postkarte zu Werbung verschickt, Q: Archiv St. Annen
Schließlich wird der Entwurf von Meckel und Luckowski umgesetzt. Über die der Bauherr Pfarrer Max Beyer in der Chronik festhält:
„Der Chronist [Beyer] als Bauherr ist wenig zufrieden. Es war ein sehr schweres Zusammenarbeiten mit der Architektenfirma Meckel und Lukowski. Meckel saß in Freiburg i.Br. u[nd] kam während des Baues nur 2x nach Berlin, er ist ein eigensinniger Badener Gothiker, der die märkische Bauweise nicht versteht, Lukowski, der zugleich auch „Bauführer“ war, ist total unfähig, wenn nicht Diözesanbaumeister (Rat) Kühn immer wieder mit Rat u[nd] Tat eingesprungen wäre, wäre so ziemlich alles schief gegangen.“ Pfarrchronik Hl. Familie Lichterfelde, 1935, S. 81
Die Kirchenbaustelle 1935, Q: Archiv St. Annen
Wer Carl Kühn ist muss ich auf diesen Seiten eigentlich nicht weiter erklären. Ansonsten einfach den Link klicken. Doch, dass Carl Meckel dessen Cousin war, mit dem Kühn seine ersten Architektenerfahrungen im Büro seines Onkels und des Vaters von Carl Meckel, Max, machte ist hier zumindest kurz zu erwähnen (mehr in meiner Dissertation: Carl Kühn 1873-1942, Kirchen für das junge Bistum Berlin, 2021). Die wirtschaftlichen Begebenheiten im jungen Bistum Berlin waren ebenso wenig optimal wie die politischen. Schon schnell nach der Machtergreifung und dem Reichskonkordat war die katholische Bistumsleitung Berlins und auch viele andere in den Pfarreien desillusioniert. Zudem waren Kirchen nun keine relevanten Bauprojekte mehr. Es war auch bei St. Annen schwer an Geld zu kommen. Darlehen platzten, die kirchlichen Geldgeber konnten nun nicht mehr geben. So lag nahezu die ganze Last bei dem Sammelverein und Alfons Puff dem Geistlichen vor Ort sowie persönlichen Unterstützern.
Der Außenbau von St. Annen
Auch die Umstände dieser Jahre sind ein Grund für die traditionelle Bauart als Basilika mit etwas modernisiertem romanischen Zügen. Etwas, dass Rudolf Schwarz in der o.g. Schrift ablehnte, kam in Lichterfelde-Nord zum Einsatz. Dabei ist der längs zur Straße stehende Kirchenbau mit dem direkt angebundenen heimatstilartigen Pfarr- und Gemeindehaus (mit Fensterläden) durch aus zeitgenössisch. Backsteinsichtig mit einem markanten in sich gedrehten 27 Meter hohem Turm. Dieser an die Außenseite des Querbaus gesetzte Turm steht somit in der Sichtachse der Straße den Kirchort markiert. Zur Stellung der Kirche gibt es die Legende, der damalige 2. Berliner Bischof, Nikolaus Bares, habe dafür votiert, den Bau parallel zur Steglitzer Straße (heute Gardeschützenweg) anzuordnen. Wahrscheinlicher ist die dadurch bestmögliche Ausnutzung des Grundstücks für das zu errichtende Programm. Erst später wurde wohl das hintere Grundstück auf dem heute weitere Gemeinderäume stehen erworben.
Doppelportal zu Gemeindehaus und Kirche, in der Mitte ein (Kunst-)Steinskulptur einer Anna Selbdritt, Großmutter Anna mit Maria und Jesuskind, auf dem Postament das Steinmetzzeichen von Meckel. Vermutlich hat Josef Dorls (extern) nach Entwurf des Architekten gearbeitet. Foto: K. Manthey 2025
Als Eingang dient ein Doppelportal im Verbindungsbau von Kirche und Pfarrhaus. Übrigens nimmt auch Meckel die Trennung der sakralen und profanen Bauteile ernst. Schwarz und Steffann hingegen verstehen Kirche und Nebenräume als einen Saalbau vor. Der Grundriss ist basilikal. Durch die linke Tür werden Pfarrhaus und Garten erschlossen, die rechte Pforte führt zur Kirche. Dort betritt man den Raum seitlich von hinten und sieht in der kleinen Kapelle gegenüber den Taufort. D.h. in St. Annen gibt es keinen axial in der Mitte des Schiffs angeordneten Haupteingang.
St. Annen von Innen bis 1946
Der anfängliche Innenraum, Weihnachten 1936, die Altarwand ist noch weiß und ungestaltet, Q: Archiv St. Annen
Wie so oft in der Diaspora beginnt das Leben eines neuen Kirchenbau karg und einfach. Bis auf das notwendigste, hier: Fenster, Bänke, Licht und Hochaltaranlage ohne Schnörkel, fehlt dem Raum der Prunk und vor allem die Ausstattung. So kommt bspw. der Kreuzweg von Hans Breinlinger erst 1938. Zwar gibt es bereits ein Bildwerk mit dem Patronat, eine Anna Selbdritt von Johannes Lotter, doch auch eine gestaltete Altarwand fehlt noch. Nun wird, sobald Geld zusammen kommt, wurde weiter ausgebaut.
Der Innenraum bis zu den Kriegsschäden (1945) mit einer Kreuzigung als Altarbild, Q: Archiv St. Annen
Ein ebenso einzigartiges Zeugnis der damaligen Zeit ist der Tabernakel. Er ist eine interessante Mischung aus Glas, Porzellan und Bronze, ca. 70 cm hoch. Vor allem die Füllelemente der Seiten und Türen bergen ein Stück Kulturgeschichte. Es sind Stücke die für die Tabernakelstele der 1932 umgebaut eingeweihten Kathedrale St. Hedwig das eucharistische Zentrum bildetet. Ein Werk von Heinrich Jungebloedt (1894–1976) im Auftrag von Puhl, Wagner und Heinersdorff erschaffen, im Zweiten Weltkrieg vermutlich zerstört oder unter Schutt beerdigt. Dieser Tabernakel rief in den 11 Jahren seines Bestehens Bewunderung hervor und zeigte beeindruckende Wirkung in einer Kapelle die honigfarben strahlte. So konserviert sich ein Stück der ersten Kathedrale von Clemens Holzmeister (1886-1983) u.a. wichtigen katholischen Künstlern der Zwischenkriegsmoderne.
Hier sieht man oben den Tabernakel der 1943 zerstörten ersten Berliner Kathedrale von Holzmeister. Unten die Schildpattelemente aus vergoldetem Porzellan von Jungebloedt, am Tabernakel von St. Annen. (Q: Archiv St. Hedwig/ Foto: K. Manthey 2025)
St. Annen von Innen von 1946 bis heute
Von 1946 ist ein Entwurf des Lichterfelder Architekten Willi Steinhoff überkommen, der erst vor kurzem wiederentdeckt wurde, dort wird der Innenraum rekonstruiert und mit neuen farblichen Akzenten dargestellt. Zwar ist der Korpus am Kreuz gedreht aber ob dies eine Neugestaltung war ist unbekannt. Ebenso ist nicht ganz klar wie weit dieser Entwurf umgesetzt wurde. Klar ist, dass 1946 der Innenraum wieder hergestellt war.
Willi Steinhoff, Entwurf für den renovierten Innenraum, 1946, Q: Archiv St. Annen, Repro: M. Tannen 2026
Auf der Suche nach einer guten Gestaltungslösung wurde in den 1970er-Jahren weiter am Kirchenraum gearbeitet. Dies war lange sichtbar durch das Kreuz von Paul Brandenburg, das ab 1978 im Altarraum hing. Heute ist es wieder an der Rückwand angebracht. In dieser Phase wurden Die Anna-Selbdritt-Skulptur von Hans Lotter und der Tabernakel neu angeordnet. Ein Volksaltar befand sich nun in der Mitte.
Blick in den Altarraum zur Firmung im Sommer 1989, Q: Archiv St. Annen
Seit 1995 nun befindet sich eine Kopie des berühmten Apsismosaiks von San Clemente in Rom an der Altarwand. Von einer geschlossenen Schwesternkapelle kam dies in die Kirche. Somit schließt die kleine basilikale Kirche St. Annen bis nach Rom auf. Endlich so scheint es hat die Kirche eine künstlerischen Fixpunkt. Ein kontemplatives Bildwerk, das Jahrtausende christlicher Kunstgeschichte nach Berlin holt. Im Zentrum der Kreuzesstamm der Ursprung aller Hoffnung sein soll. Bei genauerem Hinsehen erblicken Betrachter noch mehr Flora und Fauna und viel Symbolik.
Die St.-Annen-Kirche heutzutage, mit dem Wandmosaik nach dem Werk in S. Clemente Rom. Foto: K. Manthey 2025
Doch dies heben Sie sich am besten für einen Besuch auf, denn die Kirche St. Annen ist in der Regel tagsüber geöffnet.
Zusammenfassung zum Projekt St. Annen
Selten treffen bei einem Kirchenbau im katholischen Berlin so viele verschiedene Handlungsstränge aufeinander. Nachdem der Bedarf erkannt wurde, musste ein geeignetes Grundstück gefunden werden. Dann bemühten sich mind. vier teils sehr renommierte Architekten um Entwürfe. Die Ergebnisse zeigen die große Bandbreite des deutschen modernen Kirchenbaus. Schließlich gelingt es einer Gemeinde in politisch unsicherer Zeit und mit sehr hohem Eigenanteil eine Kirche mit Pfarrhaus zu errichten. Nun in einem Stil, wie der in der Diaspora üblich war. Eindeutig, schlicht und stilistisch zurückhaltend zwischen Tradition und Moderne. Bis heute entwickelt sich die Kirche und ihre Wirkung weiter, doch immer noch strahlt sie aus, allen strukturellen Neuordnungen zum Trotz. Auf viele weitere Jahre – Herzlichen Glückwunsch St. Annen
Hier einer der überkommenen Pläne von C.A. Meckel und S. Lukowski, Q: Bauakte ZR EBO
(Dieser Beitrag hat viel Arbeit gemacht und war für den Jahrestag gedacht. Nun kommt er mit Verspätung)
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