Tägliche Kirche, Nr. 7 St. Nikolaus, Wittenau

Heute stelle ich die Wittenauer katholische Kirche und ihre Geschichte vor. Bis 1905 hieß das Dorf übrigens Dalldorf. Ihren Namen erhielt die Kirche übrigens vom Patronat der Dorfkirche. Deren Anfänge stammen aus der Zeit zwischen 1300 und 1400. Sie ist dem Heiligen Nikolaus von Myra geweiht, die neue Kirche von 1961 indes dem Hl. Nikolaus von Tolentino (1245-1305) – einem Heiligen des Augustinerordens. Bereits seit 1929 wirkten Augustiner Chorherren in Reinickendorf, wo später auch das Kloster und die Kirche St. Rita entstand. Die ersten Patres lebten jedoch im Ortsteil Wittenau. Hier betrieben Sie auch Seelsorge und feierten Messen.

Erste Pläne zu einem Kirchenbau

Dominikus Böhm, Ansichten für eine Kirche in Berlin-Wittenau, 1938
Q: BArch R 4606/2358
https://kirchenbauforschung.info/wp-content/uploads/2014/11/Montage_Schnitte_800x600WZ.jpg

Zwischen 1930 und 1938 plante der Orden eine Notkirche von Dominikus Böhm. In der Fassadenansicht findet sich die für Böhm typische Rosette, ein direktes historisches Zitat. Seine Bauten wirken wuchtig-monumental, wie auch dieser Entwurf. Doch die auch hier verwandte Fensterrosette ist eine gotisches Replik als deutlicher Kontrast zu der romanischen Gesamtgestalt.

Der Bau von St. Nikolaus

Bereits kurz nach dem Ende des Krieges wurde die Kirchenneubauidee wieder aufgenommen. Spätestens mit dem Einsetzen des ersten eigenen Seelsorgers Anton Majewski, 1951, kamen die Bemühungen in Fahrt. So konnte 1958 nach einem Wettbewerb über Entwürfe von Alfons Leitl, Johannes Jackel sowie der Architektengemeinschaft Heinz Völker und Rolf Grosse entschieden werden. Die letzten Beiden wurden mit der Realisierung betraut, mussten jedoch etliche Einsparungen und Änderungen vornehmen. So verlangte der Gutachter des Gesamtverbandes der Katholischen Kirchengemeinden Berlin, Josef Weber, dass kein teures Kupferblech fürs Dach verwandt werde.

Völker und Grosse, Ansichtsplan der zu erbauenden Kirche und Nebengebäuden, 1959
Q: ZR EBO, Repro: K. Manthey, 2018

Die Architekten Heinz Völker und Rudolf Grosse

Die Architekten Völker und Grosse errichteten 1951 das Schillertheater neu. Auch die Schutzengelkirche in Britz aus demselben Jahr stammt von den beiden. Ihr Tätigkeitsschwerpunkt lag im Ruhrgebiet, hier vor allem in Bochum, bis in die 1970er Jahre baute das Büro dort vorrangig Nutz- und Wohnbauten. Rudolf Theodor Grosse war Jahrgang 1906 über Heinz Völker konnte ich bisher keine weiteren Erkenntnisse herausfinden.

Die Bauidee und Umsetzung

Die vorhandenen Bauidee mit dem den durch „Staffelnischen“ aufgelockerten Schiffwänden löst den strengen fast quadratischen Grundriss auf. Dazu schrieben die Baukünstler folgendes: „Von dem Gedanken geleitet, nicht in der Messe sondern die Messe zu beten, wurde dem Kirchenraum die quadratische Gestalt gegeben, die durch ihre kurze Entfernung, die Beobachtung und innere Teilnahme an den liturgischen Vorgängen am Altar erleichtert.“

St. Nikolaus – Konzentration auf den Altar
Foto: K. Manthey, 2018

Weiterhin schrieben die Architekten 1958 in Ihrem Erläuterungsbericht: „Der Entwurf, der bewusst keine Erinnerung an die Traditionserfüllte „Stilkirche“ aufkommen lässt, versucht den vielfältig erweiterten Aufgaben der Kirche unserer Zeit gerecht zu werden.“ Dabei wird deutlich wieweit sich die Nachkriegsarchitekten im Sakralbau von den historistischen Diktaten lösen wollten. Nicht ohne jedoch ältere Traditionen in Form und Gestalt aufzugeben. Die Idee vom Dunkel der Welt zum Hellen der Himmelsstadt zu gelangen, vom Eingang zum Altar also, zeichnet sich auch hier ab. Daher ist ein Oberlicht über dem Altar eingelassen und eine indirekte Beleuchtung von den Wandnischen her gibt dem Raum weiteres Tageslicht. Vergleichbares finden wir bei vielen Kirchenbaumeistern dieser Zeit. Z.B. Reinhard Hofbauer (St. Erich, Hamburg-Rothenburgsort). Bis 1963 kam der Kindergarten hinzu.

Die gestaffelten Fensternischen, sichtbar beim Blick zurück
Foto: K. Manthey, 2018

Die Baugruppe hat ihren klaren Gipfel in Kirchenschiff und Kreuz inmitten einer Stadtlandschaft. Hohe Ansprüche waren mit den Kirchenneubauten jener Jahre verknüpft, können wir nur hoffen das diese auch Erfüllung fanden. Bis heute ist hier die spanischsprachige Gemeinde aktiv. St. Nikolaus ist ein weiteres Zeichen des Aufbruchs in eine zweite Bau-Moderne. So wie das Glaubensleben mit vielen Ecken und Kanten, nicht einfach aber stimmig.

Gestaffelter Bau und Campanile
Foto: K. Manthey, 2018

Weiterführendes (extern)

Der Wikipedia-Artikel

https://de.wikipedia.org/wiki/St._Nikolaus_(Berlin-Wittenau)

Die Homepage der Gemeinde

https://www.st-franziskus-berlin.de/gemeinden/st-nikolaus/

Und noch mehr auf kirchenbauforschung.info

Die Vorläufernnummer der Serie
Noch eine Nikolauskirche im Erzbistum

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