St. Thomas Morus in Kleinmachnow

Am 28. Juni 2017 feiert die Kirche St. Thomas Morus in Kleinmachnow ihr silbernes Kirchweihjubiläum. Grund genug anhand meiner Ausarbeitungen zur vergangenen Kirchenführung einen Beitrag auf das Blog zu stellen.

Geschichte Kleinmachnow

Seit der ersten Hälfte des Zwanzigsten Jahrhunderts ist der Ort Kleinmachnow im Südwesten Berlins dicht an der Stadtgrenze ein beliebter Vorort der Stadt. Villen und Einfamilienhäuser prägen das Ortsbild. Mit dem Bau des Teltowkanals kamen nach über 350 Jahren wieder verstärkt Katholiken in die Gegend. Bereits 1905 gründete sich ein katholischer Arbeiterverein (das katholische Vereinswesen war oft Vorbote und Stütze der Gemeindebildung). Die erste Kirche in der Region war die 1920 errichtete Notkirche in Teltow. Das gesamte Gebiet gehörte damals zur Pfarrei Heilige Familie in Berlin-Lichterfelde

Die Notkirche in Teltow von 1920 (Q: Wochenend und Kirche, 1927)

Gemeindegeschichte

Pfr. Beyer am Schreibtisch Q: PfAr Heilige Familie Lichterfelde

Im Sommer 1935 kam mit Lokalkaplan Karl Moritz (1900-1993) ein eigener Geistlicher nach Kleinmachnow und Stahnsdorf. Im September des Jahres gab es einen Gründungsgottesdienst mit gut 300 Teilnehmern im Festsaal des „Restaurants zur Schleuse“ am Teltowkanal, Hauptzelebrant war der als „Kirchenbettler“ bekannte Pfarrer von Heilige Familie, der Mutterpfarrei, Maximilian Beyer. Mit Thomas Morus wählte sich die Gemeinde den Märtyrer des Gewissens, der im selben Jahr heiliggesprochen wurde. Doch aufgrund eines Ministerialerlasses, der die Ausübung von Gottesdiensten in Gaststätten verbot, wurde die Gemeinde bald ortslos. Man erhielt Gastrecht in der alten evangelischen Dorfkirche, einer nachreformatorischen Patronatskirche. Dieses Gotteshaus wurde 1597 im Auftrag von Margarete von Hake, geborene von der Schulenburg fertiggestellt. Neben der Burg Machnow, ist die alte Dorfkirche Kleinmachnow einer der ersten evangelischen Kirchenbauten in der Mark Brandenburg. Die anfangs zum Grundbesitz der Kleinmachnower Grundbesitzerfamilie von Hake gehörige Kirche diente dem einflussreichen Adelsgeschlecht zur Repräsentation, für exklusive Gottesdienste und Begräbnisse (bis 1597 war die Dorfkirche Stahnsdorf Grablege der Machnower Hake). Als Mitte des 17. Jahrhunderts das Straßendorf Kleinmachnow entstand, fanden öffentliche Gottesdienste in Kleinmachnow und Stahnsdorf statt. Es ist durchaus interessant, dass ein römisch-katholischer Gottesdienst in einem Sakralraumstattfinden konnte, der sicherlich bewusst der lutherischen Liturgie angepasst errichtet wurde und keine Tradition in der römischen missa des Mittelalters vorzuweisen hatte.

Der erste Bau der Gemeinde

1935 zählt die Gemeinde bereits 670 Mitglieder. Als erster eigener Bau konnte noch 1938 das Pfarrhaus nach Plänen des Diözesanbaurates Carl Kühn (1873-1942) realisiert werden.

Pfarrhaus Kleinmachnow

Carl Kühn, Ansichtszeichnung des Pfarrhauses (Ausschnitt), 1938 (Q: PfAR Kleinmachnow)

Das Grundstück Hohe Kiefer hatte der zuständige Lichterfelder Pfarrer Maximilian Beyer 1934 erwerben können. Der engagierte Bauunternehmer Carl Dirk realisierte das Objekt, wie zuvor bereits andere Bauten Kühns, so z. B. St. Elisabeth, Königs Wusterhausen, 1937, oder das Pfarrhaus in Borsigwalde 1938. Wie in Borsigwalde gab es bereits weiterführende Pläne zu einem Kirchenbau auf dem Gelände. Doch die Zeit kurz vor dem Krieg und das 1938 bereits praktizierte Kirchenbauverbot ließen nur ein Pfarrhaus mit kleiner Kapelle in den Kellergewölben zu, die „Katakombe“. (sicherlich eine Anspielung auf frühchristliche Gottesdienstorte in den Katakomben Roms). Diese wurde bis zum Neubau 1992/93 für Werktagsmessen genutzt. Vermutlich gab es auch in Kleinmachnow ähnlich wie in Borsigwalde bereits viele Auflagen für den Bau. In der Werkssiedlung verteuerte sich das Projekt aufgrund der hohen Anforderungen für den Luftschutz.

Sogenannte „Katakombe“ im Pfarrhaus (Q: PfAR Kleinmachnow/ M. Tauscher)

Persönliches Engagement

1937 schrieb die Seelsorgehelferin Frl. Regina Freckmann an den Bonifatiusverein. Dies taten sonst kirchliche Dienststellen, doch der Generalsekretär des Vereins, Wilhelm Freckmann, der bereits 1935 von den Nationalsozialisten wegen angeblicher Devisenvergehen angeklagt und inhaftiert wurde, war ihr Bruder. Daher wusste sie um die Gepflogenheiten des Vereins zur Förderung der Diaspora. Regina Freckmann forderte, dass Kleinmachnow als sogenanntes Vorzugsobjekt aufgestellt würde. Das hätte bedeutet, dass eine große Fördersumme aus Paderborn gekommen wäre. Der Verein verweist Sie aber auf die Bistumsinstanzen und besonders auf den Gesamtverband der Katholischen Kirchengemeinden Groß-Berlins. Das Schicksal von Fräulein Freckmann ist spannend, sie selbst schildert 1937, dass sie in Haft gekommen sei. Später soll Sie aus dem kirchlichen Dienst ausgeschieden und in die Dienste des Ortsbürgermeisters gelangt sein, der wiederum eine Nazigröße war.

Die Bemühungen um eine Kirche halten an

Gleich wie 1937 werden die Gemeindeglieder auf 1300 geschätzt. 1938 werden fast 1600 Katholiken angegeben. Dies war natürlich auch nützlich hinsichtlich der Forderung einen Kirchenbau zu erhalten. Weiterhin deutete die Gemeindehelferin an, dass es auch Probleme mit der Nutzung der evangelischen Kirche gab. Pfarrer Moritz wohnte zur Miete in einem 2-Familienhaus und hatte dort eine kleine Kapelle für 10-12 Menschen eingerichtet. Die Kirchennot war durchaus vorhanden. Beim Bau des Pfarrhauses wurde an der Baustelle ein Transparent angebracht, auf dem geschrieben stand: „Wir brauchen keinen Kirchenbau, uns fehlen HJ-Heime“ eine klare Richtungsansage.

Nach dem Zweiten Weltkrieg konnte die Gemeinde eine Holzbaracke erwerben. Sie diente zuvor als Zwangsarbeiter-Kantine. Der Dreilinden-Maschinenbau GmbH Kleinmachnow, einer Tochtergesellschaft des Bosch-Konzerns. Sie setzte während des Zweiten Weltkrieges über 2500 zivile Zwangsarbeiter und Zwangsarbeiterinnen, Kriegsgefangene sowie KZ-Häftlinge unterschiedlicher Nationalität ein. Sicherlich war man dankbar einen Raum gefunden zu haben, gut möglich, dass dessen Geschichte nicht präsent war. 1948 wurde darin die St. Thomas-Morus-Kapelle eingeweiht für mindestens 2000 Gläubige. Sie wurde 1968-71 erweitert und umgebaut. Der Barackenbau befand sich gegenüber der Straße am Rand des Kirchengrundstücks.

Die Barackenkirche St. Thomas Morus nach der Erneuerung 1971 (Q: PfAR Kleinmachnow/ M. Tauscher)

Neubau

Zwischen 1985-87 bemühte sich Pfarrer Trabandt verstärkt um einen Neubau in der Zeit wird auch das Pfarrhaus rekonstruiert. Der Berliner Bischof Joachim Meisner stimmte schließlich zu. Erste Planungen des Bau- und Montagekombinat (BMK) Ingenieurhochbau (Berlin, Ost), begannen 1987. Es kam zu Verzögerungen, so dass 1991 nach Plänen des Büros Architekturbüro: Meyer/Bach/Hebestreit/Sommerer der Grundstein gelegt werden konnte. Vermutlich hatten die Architekten bereits an den Plänen der Ingenieruhochbau mitgearbeitet.

Aussenansicht auf den Baukomplex, Foto: K. Manthey, 2017

Vor der abschließenden Bauplanung hatte vor allem Architekt Meyer sich vom Pfarrer Hartmann (1988-1998) und Gemeindemitgliedern Kirchen zeigen lassen und somit ein Gespür erhalten welchen Bedarf die Bauherren hatten. Seither hatte das Büro verschiedene Kirchliche Projekte realisiert.

In Kleinmachnow entstand ein Atrium artiger Baukomplex, der das historische Pfarrhaus miteinbezog. Geborgen und verbindend bietet der Baukomplex der Gemeinde den lange ersehnten Ort. Mittlerweile ist Kleinmachnow von Teltow mitbetreut. Im Pfarrgebiet tun die Pfarrer Theuerl und Arndt ihren Dienst. Gut 2500 Katholiken zählen heute zu der Kirche
St. Thomas Morus.

Der Innenraum

Der quadratische Grundriss ermöglicht eine Innenanordnung der verschiedenen Ausstattungsstücke die eine besondere Nähe der Gemeinde zum Altar ermöglichen („circumstance“). Der Altarraum ist über die ganze Breite des Gebäudes gezogen und die Bänke halbkreisartig davor gestellt. Die Hauptstücke wurde vom Architekten Meyer entworfen Altar, Ambo, Tabernakelstele, Taufstein und Leuchterpfeiler sind aus Travertin aus Bad Langensalza.

Das Kreuz von P. Klein, Foto: K. Manthey, 2017

Das Altarkreuz stammt vom Pallotinerpater Peter Klein, die 2 mal 2 Meter roße Holzskulptur zeigt den segnenden Weltherrscher Christus. Der erste Kreuzweg stammte vom selben Künstler. Mittlerweile ist der Kreuzweg der aufgegebenen Kirche in Stahnsdorf, den Dietmar Block herstellte in die Kirche eingezogen.

Ansicht zur rechten Seite mit Ambo, Marienfigur und einem Teil des Kreuzwegs, Foto: K. Manthey, 2017

Die Marienskulptur stammt von Hans Schrott-Fichtl, Berlin-Schlachtensee. Sie wurde im „Sanka“ (Sanitätskraftwagen) als Patient über die Grenze gebracht und in den früher 1950er Jahren in der Notkirche aufgestellt.

Fazit

Die Kirche in Kleinmachnow ist eine der wenigen neueren Bauten. Aufgrund der frühen Planungs- und Erbauungszeit ist sie ein seltenes Zeugnis des frühen (und seltenen) Sakralbaus im vereinigten Nachkriegsdeutschland. Der Bau beweist meiner Meinung nach ebenfalls, dass die gewissenhafte Zusammenarbeit von Bauherr und Architekt gute Ergebnisse ermöglicht, selbst wenn der Entwerfer zuvor kaum Gelegengheit hatte sich mit dem Themenfeld Kirchenbau auseinanderzusetzen.

Also unbedingt einmal besuchen!

 

Verwendete Quellen:

Nicola Bröcker,  Kleinmachnow bei Berlin, S. 54f.
Gespräche mit Herrn Maximilian Tauscher, Kleinmachnow
Pfarrchronik Kleinmachnow
Schwillus/ Brühe, Erzbistum Berlin, 2009.
ABW (Archiv des Bonifatiuswerks), Berlin Kleinmachnow
Wikipedia

und weiterführende externe Links:

Artikel zu Maximilian Beyer
Zu dem Werk und Arbeitslager
Projektarchiv der Architekten

 

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